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Das Stück von Ettore Scola und Ruggero Maccari hält, was der Untertitel verspricht: "Eine bemerkenswert mitleidlose Komödie". Das Mitleid enthält Karin Beier, die Intendantin
des Kölner Schauspiels, den Armen und Entrechteten in ihrer Inszenierung vor - und erntete dennoch nach der Uraufführung am Freitagabend in der Halle Kalk zusammen mit ihrem Ensemble
einhelligen, begeisterten Beifall. Das Publikum sitzt Containern gegenüber, die die ganze Bühnenbreite einnehmen (Bühnenbild: Thomas Dreißigacker) - hier
hausen Menschen. Wir schauen durch sechs Fenster in ihre Wohn- und Badezimmer, in ihre Küche - unzulässige Blicke von Voyeuren ins Private. Fünfzehn Darsteller spielen eine
große Familie; der erste Eindruck zeigt "die Gemeinen". Eine junge Frau füttert eine Greisin im Rollstuhl. Sie widmet der Alten keine Aufmerksamkeit, sondern telefoniert
unaufhörlich mit dem Handy.
Manchmal macht sie sich einen Spaß daraus, den Löffel weitab zu halten, so dass die Rollstuhlfahrerin vergeblich nach dem Bissen schnappt. "Hässlich" und "schmutzig" ist der Chef,
Markus John spielt ihn mit Mut zum Widerwärtigen, Abscheulichen. Er hat Geld - keiner weiß woher. Das Publikum kann kaum etwas hören, die Räume und Fernster
verschlucken fast alle Dialoge. Allerdings können wir durch die Körpersprache und die Arrangements der Geschichte folgen - ein Kunstgriff Karin Beiers, der die Schauspieler ebenso
herausfordert wie die Aufmerksamkeit des Publikum. Alle scharwenzeln um den Boss, sie betteln um Geld. Er gibt nichts. Die Spannungen erhöhen sich, als der Chef eine Frau,
vermutlich die eigene Gattin, mit einer zerbrochenen Bierflasche verletzt. In einer besonders widerwärtigen Szene bestraft der Chef eine andere Frau, indem er sie erst zu oralem Sex vor
aller Augen zwingt, dann nimmt er sie von hinten.
Der Chef überzieht endgültig, als er ein junges Mädchen in die Wohnung lockt, indem er mit seinem Geldbündel winkt. Während er mit seiner neuen Freundin einkaufen geht,
rühren alle anderen einen Brei an - mit Rattengift. Nachdem der Boss ausgeschaltet wurde, nimmt seine Frau ihm das Geldbündel, gibt es einem anderen - jetzt ist sie der Boss, und die
Geschichte geht von vorn los. Das Kölner Ensemble glänzt. Jede und jeder spielt einen scharf umrissenen Typen, genaue Studien. Im Bühnenbild gibt es Hinweise auf
Billigläden, auf Billigfernsehen und auf eine Billigzeitung mit großen Lettern, die deutlich machen, dass dieses Stück hier und heute spielt. Die Provokation liegt in der
Mehrdeutigkeit. Zeigt die Aufführung die Armen, wie Zuschauer sie sehen, und bestätigt die schlimmsten Vorurteile der Neoliberalen? Soll dies ein Zerrbild sein, mit dem Karin Beier
dafür plädiert, die Armen nicht alleinzulassen? Oder fordert die Inszenierung gerade die Armen selbst heraus, anders zu leben, um aus der entwürdigenden Mühle herauszukommen?
In einer kurzen Szene liest ein Schauspieler eine Szene aus Tschechows "Onkel Wanja", in der ebenfalls Langeweile und Überdruss thematisiert werden - allerdings in einer
anderen sozialen Schicht. Das deutet darauf hin, das Karin Beier dieses Stück auch existenziell auffasst. So vertun wir alle unser Leben in der Konsumgesellschaft, wir alle werden auf der
Jagd nach dem Geld schmutzig, hässlich und gemein. Mit dieser Inszenierung setzt Karin Beier Maßstäbe.
dpa
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