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07.02.2010

Düster-feuchte Zwischenwelt

Breths "Quai West" am Burgtheater

WIEN. Es ist stockfinster. Schritte und Stimmen hallen über die Bühne, nach einigen Minuten lässt etwas Licht die Umgebung erkennen.

Aufgestapelte schwarze Steinhaufen, im Hintergrund beschlagene und zerkratzte Milchglasscheiben, aus Löchern im Boden oder dunklen Ecken kriechen die dort wohnenden Kreaturen. Es ist ein lebensfeindlicher wie fast mystischer Ort (Bühne: Erich Wonder), an dem die Protagonisten im Stück "Quai West" von Bernard-Marie Koltès in der Inszenierung von Andrea Breth zusammentreffen: Ein lebensmüder wie -unfähiger Manager mit seiner Sekretärin, der Geld veruntreut hat und die dort rund um die vermoderte Hafen-Lagerhalle wohnenden Menschen, denen sauberes Wasser abgestellt wurde.

Die Premiere im Wiener Burgtheater der 1985 entstandenen Kapitalismus-Kritik erhielt am Samstagabend freundlichen Applaus. Durch immer neue Finanzskandale in der virtuellen Bankenwelt ist das Stück heute hochaktuell. Doch mit ihrem durchweg starken Schauspielensemble konzentriert sich Breth mehr auf die monologisierenden Charaktere als auf die allgemein im Stück enthaltene Aussage "Geld zerstört die Menschen", die auch etwas banal wirkt.

Als gescheiterte Existenz fährt Maurice Koch (Sven-Eric Bechtolf) mit seiner Sekretärin Monique (Andrea Clausen) mit seinem Jaguar an den Hafen, um sich ins Wasser zu werfen. Doch der Selbstmordversuch scheitert, das Auto ist kaputt und die Beiden "von der anderen Seite" sitzen in der nächtlichen Zwischenwelt fest und müssen sich mit den dort wohnenden Gestrandeten ohne Visum für eine besseres Leben auseinandersetzen. Während für Maurice Geld nur noch abstrakt in Kreditkartenform existiert, gieren die Entwicklungsverlierer wie Menschen aus einer anderen Zeit noch nach Scheinen und Münzen.

Da gibt es die von einer Verbesserung ihrer Situation getriebene alte Einwanderin Cécile (Elisabeth Orth), die mit ihrem - vorgetäuscht oder echt - verstandskranken Mann Rodolfe (Hans-Michael Rehberg) und ihren Kindern dort haust. Sohn Charles (Philipp Hauß) ist ständig mit jedem in Verhandlungen, träumt vom Fortgehen und tauscht mit dem schmierig-brutalen Fak (Nicholas Ofczarek) die Jungfräulichkeit seiner Schwester Claire (Merle Wasmuth) gegen Autoschlüssel. Beobachtet wird das ganze Geschehen von dem geheimnisvollen Schwarzen Abad (Maynard Eziashi), der nie spricht und sich lautlos durch die Szenerie bewegt.

Die Menschen sind mit ihrer verfallenen feucht-modrigen Umgebung eins geworden: Jeder ist dem Gesetz des Mammons unterworfen, auf jeder Ebene wird gedealt und für jedes Geben ein Nehmen gefordert. Größte Sorge des Managers ist vor seinem Suizidversuch, dass niemand auf seine selbstgekaufte Rolex-Uhr tritt ("Nur sich selber schenkt man wirklich was"). Charles und Fak finden als einzigen Wert, der beide verbindet, die Jaguar-Schlüssel. Einzig die junge Claire und zu Teilen die Sekretärin durchschauen das Gesetz und begehren dagegen auf, scheitern aber.

Denn aus diesem dunklen Vorhof der Hölle, wo man häufig nicht einmal die Mimik erkennt, gibt es kein Fortkommen: Die Mutter verfällt dem Wahnsinn, Fak schläft brutal mit Claire und lässt sie liegen, die Sekretärin will weg und irrt hinter den beschlagenen Scheiben umher. Da scheint es fast ein Akt des Erbarmens zu sein, wenn Abad zum Maschinengewehr greift und erst den Manager und dann Charles erschießt.   

dpa

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