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Die Figuren in Händels Oper "Agrippina" verirren sich in den Fäden der Intrigen, die sie selbst gesponnen haben. Die Ketten verändern durch die Beleuchtung ständig ihre Farbe
und sind damit so wandelbar wie die Charaktere, die ihre Loyalitäten wechseln wie Masken. Das Premierenpublikum nimmt die etwa vierstündige Inszenierung am Donnerstagabend begeistert auf.
Besonders viel Beifall erntet US-Countertenor Bejun Mehta, der den römischen Feldherren Ottone verkörpert. René Jacobs, international bekannt für seine Interpretationen von
Barockopern, dirigiert das Orchester der Berliner Akademie für Alte Künste. Der französische Modeschöpfer Christian Lacroix konnte sich in den Kostümentwürfen
für die Inszenierung von Landsmann Vincent Boussard ausleben.
Georg Friedrich Händel (1685-1759) ist gerade einmal 24, als seine "Agrippina" 1709 in der italienischen Hauptstadt uraufgeführt wird. Das Libretto wird dem italienischen Diplomaten
Kardinal Vincenzo Grimani zugeschrieben. Er karikiert die Zustände im Alten Rom, wo jeder gegen jeden ausgespielt wird. Es ist wohl kein Zufall, dass der als pompöser Esel gezeichnete
Kaiser Claudio (Marcos Fink) an Berlusconi erinnert.
Auffällig sind die vielen Passagen des "Beiseite-Sprechens": Die Figuren geben in Subtexten preis, was sie tatsächlich fühlen. "Poppea, du weißt, dass ich dich liebhabe, dein
Kummer und deine Freude sind auch meine", sagt Kaiserin Agrippina (beeindruckend: Bulgarin Alexandrina Pendatchanska) zu ihrer Gegenspielerin (Anna Prohaska). Sie denkt freilich etwas ganz
Anderes: "Ich hoffe, dass der trügerische Plan zu gutem Ende führt." Ihr einziges Ziel ist es, ihrem noch jugendlichen Sohn Nerone auf den Thron zu verhelfen.
Die Darsteller in "Agrippina" singen nicht nur atemberaubend, sie tragen auch großartige Kostüme. Lacroix (58) entwirft seit 1987 auch für die Bühne. Er kleidet die Figuren
mal in schlichte, schwarze Anzüge, mal in aufwendig verzierte lila-farbene Pluderhosen. Die mit Abstand herausragendsten Kleider bekommt die schöne Poppea, die den Männern
reihenweise den Kopf verdreht. Sie trägt einmal ein helles Raffkleid, dann wieder einen blauen, knielangen Samtmantel mit ausladendem Kragen.
Die Sängerin hatte schon während der Proben geschwärmt, sie habe auf der Bühne noch nie Kleider getragen, die sich so gut anfühlten. Ein Steg überbrückt die
Distanz zwischen Orchester und Publikum und verstärkt den Eindruck einer Modenschau. Der Designer, dessen Kleider vielen als "Skulpturen aus Stoff" gelten, war auf Wunsch Boussards nach
Berlin gekommen. Die beiden hatten bereits mehrfach zusammen gearbeitet, unter anderem in Paris und Brüssel.
Das Berliner Premierenpublikum in der voll besetzten Staatsoper belohnt die Aufführung mit tosendem Beifall und Füßetrampeln. Immer wieder gibt es schon während des
Stückes Zwischenapplaus und "Bravo"- Rufe. Es ist die vorletzte Premiere der Staatsoper vor der Sanierung des Hauses. Von Oktober 2010 an spielt das Ensemble für drei Jahre im Schiller
Theater.
dpa
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