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22.06.2010

Alles Opette - oder was?

Sebastian Baumgarten nimmt sich am Zürcher Neumarkttheater Jacques Offenbachs Banditen zur Brust

ZÜRICH. Sebastian Baumgartens „Parsifal“ in Kassel 2002 gehört zu den ambitioniertesten Deutungen diese Ausnahmewerkes. Auf seinen Bayreuther „Tannhäuser“ im nächsten Jahr darf man aber nicht nur wegen dieser Vorleistung in Sachen Wagner gespannt sein. Er ist einer der wenigen, die an den Genregrenzen rütteln, sich dabei etwas trauen und das, was sie machen, auch können. Mit Vorliebe fürs Schauspiel, einer Hassliebe zur Oper und einer Obsession für die bunte Grauzone dazwischen.

Mit Offenbachs „Banditen“ hat er sich jetzt zwar nicht gleich im Wirtshaus im Spessart, dafür aber in einer Bar am Zürichsee getroffen. Im Theater am Neumarkt. Seine „Banditen“ schrecken nicht mal davor zurück, ihre Väter und Paten, namens Offenbach, Meilhac und Halévy, aus dem Hinterhalt der Respektlosigkeit so lange als Geiseln zu nehmen, bis sie zugeben, dass die drei Millionen, um die es in der Opéra-bouffe von 1869 dauernd geht, umgerechnet vielleicht doch nur die berühmteren (Opern)-Dreigroschen sind.

Baumgarten mogelt dabei nicht, denn er nennt seine Version einen „Ausbruchsversuch mit Musik nach Jacques Offenbach“. Und genau den liefert er auch. Seine Gaunertruppe will aus der bürgerlichen Langeweile des gastronomischen Gewerbes ausbrechen, so wie der Regisseur selbst aus den Fesseln des zeitbezogenen Sujets und den Zwängen der Musik.

 Ein Gläschen von der Mafia

Was in beiden Fällen gelingt, ohne, dass die Entfernung vom Namensgeber der Veranstaltung zum Verrat wird. Wir sitzen als Gäste mitten drin in der Eröffnung von Falsacappas neuem Lokal „Garibaldi“ und bekommen von der rechten Hand des Bosses ein Glas Wein serviert. Wenn irgendwann die italienische Mafia zur russischen mutiert, dann gibt’s natürlich einen Wodka.

Doch sonst wird vor allem mit dem Wortwitz des neu gefassten Textes eingeheizt. In den schleicht sich der regierende italienische Silvio B. ebenso mühelos ein wie die verjuxten griechischen Milliarden oder die platzenden Spekulationsblasen an der Börse. Daniel Regenberg ersetzt als Barpianist das Orchester mit Vorliebe für verfremdeten Offenbach und alles was sonst so passt, um zwischen Biedermann- und Ganovenexistenz zu wechseln. Und um mit der Entführung einer richtigen spanischen Prinzessin zu den drei Millionen zu kommen, für die sie verkauft werden soll. Von denen aber nur lumpige 5000 tatsächlich existieren. Was aber sowieso egal ist, denn hier sind eh alle Ganoven und unter sich.

Bei seinem souveränen Parforceritt durchs Operetten-Absurdistan macht Baumgarten also aus diesem Offenbach so etwas wie ein Kammermusical, das einer der acht lustvoll gaunernden Akteure mal „Opette“ nennt. Und dabei fliegt dem Publikum nicht nur eine Melange aus sämtlichen Operetten-, Komödien- oder Film-Gaunerklischees um die Ohren, sondern beim „fröhlichen dritten Reich“ auch gleich noch die political correctness und das trashige, sich selbst bespiegelnde moderne Theater.

Subersiv operettesque

Auf einem radikal anarchischen Umweg, auch durchs teutonische Unterholz, landet Baumgarten mit diesem ansteckend witzigen, selbstironischen und hintersinnigen zweieinhalbstündigen Abend dann doch wieder bei der einstigen subversiven Kraft der Operette.

Dass er einen hochmusikalischen Sinn für Tempo und das intellektuelle Potenzial für das Untergründige hat, wusste man schon. Dass er dabei auch ausgesprochen witzig und ausgelassen sein kann, weiß man spätestens jetzt.

www.theaterneumarkt.ch

Quelle: Joachim Lange
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