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12.03.2010

"Bruderreisen"

Singen, Schunkeln, Selbstvermarktung

STUTTGART. Knallig blauer Anzug, gebräunte Haut frisch von der Sonnenbank und ein fieser dünner Schnurrbart - so steht Reiseleiter Siggi auf seiner Bühne.

Eine schmierige Type, die vor verlogener Begeisterung nur so trieft. "So eine wunderbare Reisegruppe haben wir noch nie gehabt", verkündet er seinen Zuhörern stolz. Sein Frohsinn ist nur gespielt, denn längst hat Siggi (Wilhelm Schneck) knallharte Geschäftspläne mit seinen Reisegästen. Im neuen Stück "Bruderreisen" der freien Stuttgarter Theatergruppe Lokstoff ist er die Hauptfigur und der Inhaber des gleichnamigen Reiseunternehmens. Bei der Vorpremiere am Donnerstag rief das Schauspiel über die eigene Verführbarkeit am Ende gemischte Reaktionen hervor.

Zuvor war für die knapp 100 Zuschauer in einem 70-er-Jahre- Reisebus Stuttgart zum Vorort von Budapest geworden: Das Neue Schloss wird von der zweiten Reiseleiterin Moni (Kathrin Hildebrand) zur Sommerresidenz von Kaiserin Sissi umgewidmet, der mitten in der Stadt gelegene Wagenburgtunnel zum Vorboten einer Ost-Öl-Pipeline erklärt. Auf der Reise nach Odessa gibt es kurz vor dem Zwischenstopp in der vermeintlichen ungarischen Hauptstadt eine Panne, alle Zuschauer werden in den Aufenthaltsraum eines Bus-Betriebshofs gebeten. Sofort beginnt eine Verkaufsveranstaltung im Stil eines Urlaubs- Shoppingsenders: "Eine Reise ohne "Nein", eine Reise ohne "Niemals"", wird dem Publikum versprochen. Es wird gemeinsam gesungen und zu Akkordeonklängen durch den Saal getanzt.

Nur langsam wandelt sich dieses verheißungsvolle Bild: Die volkstümlichen Gags und parodierten Stewardess-Gesten werden ernster, das gemeinsame Singen wird mehr und mehr zum Sinnbild vom gleichgeschalteten Streben nach Glück. Spätestens als Moni ausführt "Sind wir doch mal ehrlich: Die meiste Zeit brauchen wir unseren Kopf doch gar nicht", werden die ernsten Töne des Stückes deutlich. Wie oft glaubt ein jeder viel zu bereitwillig den angeblich gut gemeinten Versprechen von Autoritäten? Wie sehr wird einem der persönliche Sinn des Lebens von anderen vorgegeben? Wie leichtfertig ist der einzelne bereit, sich zu Markte zu tragen?

Wichtige Fragen, gewiss. Doch manche Zuschauer wollen sich nach einer Stunde mit vielen lauten und einigen sehr guten Gags nicht mehr mit ihnen beschäftigen und lachen auch die ernsten Stellen einfach weg. Hier zeigt sich ein schmaler Grat zum stringenteren Jäger-Amok- Spiel "Waidmannsheil", dem ersten Stück, das Autorin und Regisseurin Susanne Hinkelbein für Lokstoff geschrieben hat: Wo in "Waidmannsheil" der Zuschauer kaum die Grenze bemerkt, an der das böshumorige Spiel in tödlichen Ernst kippt, verharrt "Bruderreisen" ein wenig zu lang bei fernsehspielhaften Scherzen im Stil der Hape- Kerkeling-Urlaubsparodie "Club Las Piranjas".

Der Zuschauer erlebt auch im neuen Lokstoff-Stück einen gewohnt anderen Theaterabend - ein wirklich intensiver Schrecken über die eigene Gutgläubigkeit entsteht aber kaum. "Der Alptraum ist zu Ende", heißt es am Schluss lapidar. Die zuvor erzeugte dramatische Fallhöhe ist zu gering, als das man sich ernsthaft erlöst fühlen müsste.

dpa

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