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"Jetzt weiß man gar nicht mehr, wer hier wen prügelt", brüllt der Sportreporter ins Publikum. Plötzlich halten alle inne, springen vom Spielfeld in neue Rollen und Szenen. Das
zweisprachige Theaterstück "Türkiye Almanya 0:0" lässt Deutsche und Türken nicht nur beim Kicken aufeinander treffen, es geht um existenzielle Szenen von
Kündigungsgespräch bis Krieg.
Zum ersten Mal hat das Hessische Staatstheater damit am Sonntag ein deutsch-türkisches Stück aufgeführt. "Wir hatten den Wunsch, uns mit der großen türkischen
Bevölkerungsgruppe einmal theatralisch zu befassen", erläutert Dramaturgin Carola Hannusch. In Wiesbaden besitzt etwa jeder fünfte Ausländer die türkische
Staatsbürgerschaft. Die kleine Spielstätte Wartburg liege dicht am Westend mit seinen türkischen Gemüsehändlern, Dönerbuden und Internetcafés, sagt Hannusch.
Dennoch fehlten der Spielstätte bislang türkische Theaterbesucher. Das solle sich nun ändern.
Geschrieben und als Fußballspiel inszeniert wurde das Bühnenwerk von der in Istanbul lebenden Regisseurin Yesim Özsoy Gülan. Mit dem Wiesbadener Theater ist die
37-Jährige bereits vertraut. Zur Theaterbiennale "Neue Stücke aus Europa" kam sie mit ihrer eigenen Theaterkompanie 2004 in die hessische Landeshauptstadt.
Damals ließ sie in "Das Haus ein kakophonisches Stück" Tradition und Moderne kollidieren. Diesmal prallen deutsche und türkische Gegensätze aufeinander. Die Besetzung
spiegelt den Kontrast der Kulturen: Neben zwei deutschen Schauspielern des Wiesbadener Ensembles wurden vier türkische Darsteller aus Berlin und Köln engagiert. Die Dialoge werden auf
einer Leinwand simultan übersetzt.
"Wir haben uns mit Absicht für eine Regisseurin entschieden, die nicht in Deutschland lebt", sagt Hannusch. "Dementsprechend gibt es keine Geschichten über Kopftücher oder
Ehrenmord." Vielmehr habe Gülan mit ihrer Szenenauswahl überrascht: Deutsche und türkische Soldaten, die während der Schlacht von Gallipoli im Ersten Weltkrieg Seite an Seite
kämpften. Zwei Männer, die gemeinsam zur Gastarbeiterzeit der 60er Jahre im Sekretariat des Chefs warten. Eine heutige Journalistin, die im Wartezimmer des Frauenarztes auf eine
türkische Mutter und deren Tochter trifft. Und zuletzt feilscht eine Frau unerbittlich um ein deutsches Visum im Konsulat in Istanbul.
"Diese Inhalte sind alle sehr konflikthaltig", sagt Gülan. Sie sei auf der Suche nach persönlichen Geschichten gewesen, habe Gespräche in öffentlichen Verkehrsmitteln, in
Läden oder Flugzeugen genutzt. So entstanden die vier Episoden, sie sind zumeist traurig, voller Missverständnisse, kultureller Ungleichheiten und Vorurteile. Sie habe aber versucht,
brisante Szenen durch Komik zu entschärfen.
"Sehr erfrischend" sagte die türkische Zuschauerin Elif Esmen nach dem begeisterten Schlussapplaus des Premierenpublikums. Die türkische Kultur sei treffend dargestellt. Dass kulturelle
Unterschiede auch unter Profis zu Konflikten führen, zeigte sich während der Proben. "Wir haben uns oft missverstanden", sagte die Regisseurin. Sie habe lernen müssen, sich
konkreter und klarer auszudrücken. Nach nicht ganz 90 Minuten geht das Spiel unentschieden aus. Gibt es Gewinner oder Verlierer? Gülan: "Wir haben alle aus dieser Erfahrung gewonnen."
dpa
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