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28.08.2006

Unerhörte Nervenmusik des Unterbewussten

Der Präsident des Richard-Wagner-Verbands International, Josef Lienhart, über die Krise des Regietheaters und die Zukunft der Festspiele

Auch wenn es pathetisch klingt: Richard Wagners Werk hat Josef Lienhart ein Leben lang begleitet. Der in Freiburg lebende Präsident des Richard-Wagner-Verbands International gehört aber auch zu den kritischen, eigenwilligen Beobachtern des Regietheaters in den letzten Jahrzehnten. Darüber unterhielt sich mit ihm Alexander Dick, Kulturchef der Badischen Zeitung, zum Ende der diesjährigen Festspielzeit.

KURIER: Herrn Lienhart, es ist derzeit viel von der Krise des Regietheaters, speziell auch bei Wagner, die Rede. Würden Sie dem als langjähriger Beobachter zustimmen?

Lienhart: Ich glaube, dass der neue Realismus der Wagner-Regie, der damals von Leipzig und Kassel seinen Ausgang nahm, doch langsam an einen Endpunkt kommt. Ich könnte mir vorstellen, dass das Zurückgehen auf die Stilbühne Wieland Wagners eine Möglichkeit wäre, die noch nicht ausgereizt ist. Es gibt vielleicht auch noch einen anderen Weg, oder eine Richtung, die noch nicht ganz einzuordnen ist: Katharina Wagner. Ich bin sehr gespannt auf ihre „Meistersinger” 2007 in Bayreuth. In ihrem „Holländer” in Würzburg und dem „Lohengrin” in Budapest hat sie ganz gezielt politisch-gesellschaftliche Ereignisse wie Hoyerswerda oder die deutsche Einigung genau festgehalten. Ganz im Widerspruch zu dem, was Götz Friedrich gesagt hat, der andeutete und Assoziationen erweckte. Katharina Wagner dagegen spielt so direkt auf konkrete Situationen auf der Bühne an, wie das meines Erachtens bisher noch niemand getan hat. Das heißt nicht, dass das nun die Zukunft der (Wagner-)Regie ist, aber wenn es in sich stimmig gemacht wird, dann akzeptiert man das. Das ist wie im berühmten Dialog zwischen Stolzing und Sachs in den „Meistersingern”: „Wie fang‘ ich nach der Regel an?” „Ihr stellt sie selbst und folgt ihr dann.” Und dann kann man nicht Werktreue und Avantgarde als Gegensatzpaare diskutieren, sondern immer nur das Einzelbeispiel. Manchmal ist der Erkenntnisgewinn einer ganz eindringlichen Sicht nur auf einen Teil des Werkes unendlich viel interessanter, als wenn alle sagen: Das war doch eine schöne, runde, bunte Inszenierung ...

KURIER: Sie haben mit dem Prinzip der „In-Sich-Stimmigkeit” einer Regie etwas Wichtiges angesprochen. Wir erleben es nicht selten auf den Bühnen, dass Regisseure eine interessante Idee präsentieren, die aber nicht zu Ende gedacht wirkt, nicht ausgereift genug ist. Tanzen die Regisseure auf zu viel Hochzeiten, haben sie zu wenig Zeit, um über eine Inszenierung nachzudenken?

Lienhart: Das ist eine Frage, die man eigentlich den Regisseuren stellen muss, ich kann nicht in ihre geistige Werkstatt blicken. Ich kann‘s eben nur an Beispielen festmachen. Und ich denke, es ist den Sängern am liebsten, wenn ein Regisseur kommt, der genau weiß, was er will. Der Regisseur sollte zunächst der Gebende sein, der Sänger der Empfangende, was ja nicht heißt, dass man über die Konzepte dann nicht gemeinsam diskutieren darf. Und natürlich ist es in der Regel so, dass die Probezeiten immer zu kurz sind.

KURIER: Wir haben es häufig erlebt in der Geschichte der Regie, dass eine Ästhetik erst spät oder gar im Nachhinein breite Anerkennung fand. Sehen Sie in der Gegenwart Regie-Tendenzen, deren Wert man eventuell auch erst in der Rückblende erkennen könnte?

Lienhart: Ich habe nicht den breiten Überblick eines Profitheatergängers, um die Frage zu beantworten. Aber ich möchte mal so sagen: Ich sehe sie weder in Christoph Schlingensiefs oder Christoph Marthalers aktuellen Bayreuther Arbeiten. Auch wenn das überraschender ist, als das, was wir nun mit dem neuen „Ring” von Tankred Dorst erlebten.

KURIER: Es gab in diesem Jahr eine Debatte in den Feuilletons über das so genannte „Sudeltheater”, über die Dekonstruktion von Klassikern auf der Bühne. Hat sich das Theater zu sehr vom Publikum entfernt?

Lienhart: Im Musiktheater kommt mit einiger Zeitverschiebung immer das an, was im Schauspiel schon war. Aber es ist für mich evident, dass die Schauspielhäuser leer inszeniert worden sind. Für mich ist die Grenze dann überschritten, wenn Verse umgestellt werden oder anderen in den Mund gelegt werden. Natürlich schwappt dergleichen auch ins Musiktheater über, obgleich es im Grunde schon überholt ist, es ist Schnee von vorgestern. Das Publikum ist auch nicht mehr geschockt, ist allenfalls noch verärgert.

KURIER: Richard Wagner selbst hat nach dem szenischen Misserfolg seines ersten Bayreuther „Rings” so etwas wie das „unsichtbare Theater” postuliert. Lars von Trier hat nun Teile seiner Bayreuther „Ring”-Pläne veröffentlicht, wo er offenbar ganz stark mit filmischen Mitteln aus einer latenten Dunkelheit heraus operieren wollte. Unsichtbares Theater?

Lienhart: Das ist maßlos interessant. Für mich wäre Lars von Trier mit Abstand der interessanteste Bayreuth-Debütant gewesen. Sein Film „Dogville” ­ das ist ja Theater, Kammertheater. Ein Künstler, der mit vollkommen unfilmischen Mitteln einen hinreißenden Film macht, hätte vermutlich mit nichttheatralischen Mitteln hinreißendes Musiktheater gemacht.

KURIER: Wenn wir von den Leuchttürmen absehen, steht es ja im Augenblick nicht so gut um das Musiktheate. Auch im Hinblick auf die Akzeptanz eines jüngeren Publikums. Ist Ihnen bange um die Zukunft des Musiktheaters?

Lienhart: Nein, vor allen Dingen nicht um Wagner. Ich habe durchaus nicht den Eindruck, dass die Akzeptanz bei der Jugend nachlässt. Es gab in der ganzen Welt nie so viele „Ringe” wie heute. Ein Machtanspruch, gegründet auf Lieblosigkeit, führt naturnotwendig in den Untergang. Das ist zeitlos aktuell. Und schauen Sie: Sie können sagen, der „Ring”, das ist Sex & Crime. Gepaart mit dieser unerhörten Nervenmusik des Unterbewussten. Und ich glaube nicht, dass das Interesse daran geringer wird ­ im Gegenteil.

KURIER: Wie ist Ihr Wunsch für die Zukunft Bayreuths? Wie soll es bei den Festspielen nach Wolfgang Wagner weitergehen?

Lienhart: Ich denke, dass es Katharina Wagner machen wird. Da ich vorhin über sie sprach, muss ich das aus künstlerischer Sicht auch nicht weiter erklären. Hinzu kommt, dass sie Nervenkraft hat. Eine Leiterin der Bayreuther Festspiele muss nicht unbedingt inszenieren können, aber wenn sie‘ s kann ­ umso besser. Man wird sehen, ob sie die Institution Festspiele insgesamt führen kann. Es gibt ja Zeitverträge, in denen man so etwas testen kann. Nachdem Wolfgang Wagner, dessen unikales Lebenswerk ich zutiefst bewundere, über ein halbes Jahrhundert die Festspiele geleitet hat, wird man, bewusst oder sogar unbewusst fragen, was ist jetzt die neue Generation? Nike Wagner und Eva Wagner-Pasquier wären für mich durchaus passable Lösungen gewesen, aber sie sind zu intelligent, um zu sagen, dass ein so später Beginn aus dieser Perspektive wirklich der Anfang mit einer neuen Generation wäre.

Keine Übertreibung: Josef Lienhart hat sein Leben Richard Wagner und dessen Werk gewidmet. Vor einiger Zeit ist er dafür mit der Bayreuth-Medaille in Gold ausgezeichnet worden.
Foto: Lammel

Quelle: Alexander Dick
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