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Die schlanke Frau mit schwarzem Haar und rotem Lippenstift möchte sich nirgendwo einsortieren lassen, wo auch nur entfernt "alt" draufstehen könnte. Das hat sie auch nicht nötig,
denn noch immer klaubt sie heruntergefallenes Papier in Windeseile auf, kombiniert flott und lässt sich auch vom Ballettnachwuchs so schnell nichts vormachen. Am 27. Februar wird die
selbstbewusste Choreologin im Essener Aalto-Theater mit dem Deutschen Tanzpreis 2010 ausgezeichnet.
In der Schrankwand in ihrem Büro stehen zig Aktenordner. In jedem lagern seitenweise Choreographien der Stuttgarter Ballett-Legende John Cranko (1927-1973), die sie als erste deutsche
Choreologin in liebevoller Kleinarbeit zu Papier gebracht hat. "Wie viele es sind? Das weiß ich nicht. Ich habe sie nie gezählt", sagt sie. Jahrzehnte sind darüber ins Land
gegangen, soviel ist sicher. Für sie sind es wertvolle Jahre, denn dank ihnen kann sie das Gedächtnis an Großmeister John Cranko am Leben halten.
"Er war ein großartiger Mensch", sagt sie. Der Anflug von feuchten Augen ist schnell überspielt, die Begeisterung aber bleibt, als sie weiterspricht. Seine Menschlichkeit habe
ihn ausgezeichnet, sagt sie, und zeigt auf eine der vielen Fotografien in ihrem Büro. Er habe seine Tänzer gut gekannt und gewusst, welche Rolle ihnen auf den Leib geschrieben war.
Seine Choreographien seien nie bloße Schrittfolgen gewesen, er habe immer auch eine Geschichte mit ihnen erzählt.
Benesh-Notation heißt die Schrift, in der sie ihre Aufzeichnungen verfasst hat. Die Seiten erinnern an Notenblätter. Darauf befinden sich allerdings keine Punkte mit Fähnchen,
sondern Symbole, die für Laien nur schwer zu lesen sind. "Jede der Linien steht für eine Körperzone: Fuß, Knie, Hüfte, Schulter, Kopf." Die Zeichen symbolisieren die
jeweilige Bewegung - taktgenau, und wenn nötig für zwei oder mehrere Tänzer parallel. Freilich ist es damit allein oft nicht getan: Die Ballettmeisterin ist häufig dabei, wenn
die Choreographien einstudiert werden. Auf die Wiese kann sie auch Feinheiten umsetzen, die sich nicht zu Papier bringen ließen.
In der Kindheit stehen die Zeichen für die gebürtige Stuttgarterin Georgette Tsinguirides zunächst nicht auf Ballett. Die Deutsch- Griechin ist bürgerlich, und der
klassische Tanz bleibt damals höheren Kreisen vorbehalten. Doch ihre Großmutter hat Kontakte zum Württembergischen Hof, und so öffnet sich für die Enkelin die Tür.
Nach ihrer Ausbildung an der Ballettschule des Stuttgarter Staatstheaters, im Studio Wacker (Paris) und an der Royal Ballett School (London) erhält sie 1945 ihr erstes Engagement am
Staatstheater Stuttgart.
Nur wenige Jahre nachdem sie 1957 Solistin geworden ist, macht John Cranko sie zu seiner Assistentin. Er schlägt 1965 auch vor, dass sie am Londoner "Benesh Institute" Choreologie studieren
soll, um seine Werke aufzuzeichnen. "Bei mir dachte ich: Um Gottes Willen, was ist das denn? Aber einem John Cranko hat man keinen Wunsch abgeschlagen", erinnert sie sich und schmunzelt. Durch
ihren Abschluss 1966 wird sie quasi zu Crankos geistigem Nachlassverwalter. "Es war ein sehr großes Vertrauen, das er mir damit entgegen gebracht hat."
Auf die Auszeichnung bildet sie sich nichts ein. "Die Person, die es aufgeschrieben hat, ist nicht wichtig", sagt sie bescheiden. Wichtiger sei ihr, dass John Cranko auf diese Weise
gewürdigt werde. Er sei ein Kämpfer und Visionär gewesen, und habe das Stuttgarter Ballett - das sie als ihre Familie betrachtet - auf ein hohes Niveau gehoben. Der Berufsverband
für Tanzpädagogik, der den Deutschen Tanzpreis vergibt, sieht ihre Rolle aber schon etwas größer. Bei der Bekanntgabe der Entscheidung im November hieß es, Georgette
Tsinguirides gelte weltweit als maßgebliche Autorität beim Einstudieren von Crankos Werken.
dpa
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