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Dann schiebt sie ein zögerliches "Das soll ich sein" nach - und der Zuschauer kann unmöglich entscheiden, ob es sich um eine Feststellung oder eine Frage handelt. Zu ratlos blickt die
Frau einerseits ins Publikum, zu entschieden hallen andererseits ihre Schritte über die Metallgerüst-Bühne. Dieser Zwiespalt zwischen Anspruch und Wirklichkeit steht im Zentrum von
"Kürzere Tage", der Bühnenfassung des Erfolgsromans von Anna Katharina Hahn. Die Theateradaption von Johanna Wehner (Regie) und Sarah Israel (Dramaturgie) feierte am Sonntagabend ihre
Uraufführung im Stuttgarter Kammertheater.
Das Stück schaut genau hinein in die Wohnungen der Constantinstraße, gelegen im bürgerlichen Niemandsland einer Stadt, die "trotz aller Anstrengungen niemals Metropole sein wird
und deshalb eine gewisse Behäbigkeit ausstrahlt", wie es anfangs heißt. Erzählt wird diese Geschichte etwa von der zweifachen Mutter Judith (panisch gebrochen gespielt von Schirin
Sanaiha), die nach misslungener Kunstkarriere zu den Anthroposophen flüchtet, oder von ihrer Nachbarin Leonie (Stephanie Schönfeld). Sie ist in Erziehungsfragen weit pragmatischer -
aber vom Ehemann genauso unverstanden.
Beide leben im ständigen Wettbewerb mit der Umwelt: Was gelingt in der Erziehung? Wer gibt gerade mehr in einer Beziehung? Bei welchen Eigenschaften muss man noch "an sich arbeiten"? Einen
beinahe radikalen Ausweg daraus scheint nur der leicht verkommene Nachbarsjunge Marco (Lukas Rüppel) zu finden.
Es ist nicht neu, dieses Gefühl des Unverstandenseins in der bürgerlichen Mitte. Doch es trifft den Nerv der Zeit. Rund 30 000 Käufer hat das 2009 erschienene und hymnisch
besprochene Buch bisher gefunden. Auch das Theaterstück zeigt, dass die erzählte Geschichte trotz aller regionalen Bezüge genauso in Hamburg-Pöseldorf oder unter der
Bionade-Bohème in Berlin-Mitte spielen könnte. "Es ist vielleicht einfach ein deutsches Buch", sagt Autorin Anna Katharina Hahn kurz nach der Premiere. "Ich kann aber nur hier
schreiben, weil die Heimat mir Bezüge gibt."
Inszeniert ist das alles wie mit schnellen Filmschnitten, in hastiger Sprache, immer wieder etwas fragmentarisch und aus dem Zusammenhang gerissen. Die fünf Schauspieler spielen ihre fast
zwanzig Rollen auch mal abwechselnd, als ob übereinander geredet wird, statt miteinander. Sie klettern und springen über das Metallgerüst im Zentrum der Bühne, drei Etagen,
hinten mit Treppen verbunden und an drei Seiten umgeben von den Zuschauerreihen. Der Zuschauer blickt immer mitten hinein in dieses Haus. Wirklich nahe kommt er den Figuren trotzdem nicht -
vielleicht, weil sie sich selber nicht nahe sind.
dpa
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