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29.09.2009

Stadttheater Minden spielt den Lohengrin

Richard Wagner Verband stellt dritte Produktion auf die Beine

MINDEN. Das im neobarocken Stil 1908 errichtete Stadttheater in Minden ist mit 542 Plätzen leider nur ein selten bespieltes Theater. Diese Situation verbessert der Richard Wagner Verband Minden seit einigen Jahren und stellt mit dem Lohengrin bereits seine dritte Produktion in dem Haus auf die Beine.

Kurzinhalt
König Heinrich ruft die Brabanter zum Feldzug. Graf Telramund, von seiner Gattin Ortrud angestachelt, beschuldigt Elsa von Brabant des Mordes an ihrem Bruder Gottfried. Ein Gottesgericht in Form eines Zweikampfs soll über Elsas Schuld entscheiden. Da erscheint ein Fremder im Boot, gezogen von einem Schwan, und besiegt Telramund. Dieser Fremde will Elsa heiraten unter der Bedingung, daß sie nie nach seinem Namen und seiner Herkunft fragen würde. Elsa willigt ein.

Am Hochzeitstag bezichtigen Ortrud und Telramund vor dem Münster den Fremden der Zauberei und des Betruges. Doch Elsa vertraut ihrem Bräutigam weiter. Später, als sie allein sind, bricht Elsa ihr Versprechen und fragt ihren Bräutigam nach seiner Herkunft. Im gleichen Moment dringt Telramund in das Brautgemach ein, im Zweikampf stirbt er. Danach offenbart Lohengrin seinen Namen und seine Herkunft. Ortrud triumphiert, aber durch sein Gebet bewirkt Lohengrin die Rückkehr Gottfrieds, des rechtmäßigen Thronnachfolgers.


Aufführung
Das im neobarocken Stil 1908 errichtete Stadttheater in Minden ist mit 542 Plätzen leider nur ein selten bespieltes Theater. Diese Situation verbessert der Richard Wagner Verband Minden seit einigen Jahren und stellt mit dem Lohengrin bereits seine dritte Produktion in dem Haus auf die Beine.
Da der Orchestergraben für Lohengrin zu klein ist, sitzt das Orchester zusammen mit dem Chor hinter einem durchsichtigen Vorhang mit Schwanen-Motiven.

Der Chor fällt damit als Spielfigur aus, es agieren nur die Solisten auf der Spielfläche – gekleidet in bunten mittelalterlichen Phantasie-Kostümen und assistiert von einigen stummen verhüllten Szenedienern. Das reduziert die Oper Lohengrin zu einem Kammerspiel und ermöglicht den genauen Blick auf die Motive der Personen und ihr Zusammenspiel. John Dew gelingt das mit einer bis ins kleinsten Detail durchdachten Personenführung und einer Reduktion der Ausstattung, lediglich Schwerter, Königskrone, Stühle sowie Horn, Ring und Schild als Abschiedsgeschenk Lohengrins finden Verwendung. Ortrud beschwört einen heidnischen Ritus, wenn sie die Wotan-Statue und einige rote Steine mit Alkohol einsprüht. Dafür kommt man ohne Brautbett aus.

Trotz dieser etwas ungewohnten Bebilderung (Lohengrin tritt mit Kunstnebel durch eine Türe im Zuschauerraum auf, Elsas Schloß-Balkon ist eine Proszeniumsloge) wird genau die Handlung der Partitur erzählt, zur Freude des weither angereisten Publikums und der Schirmherrin Verena Lafferentz-Wagner.


Sänger und Orchester
Der Eingangs beschriebene Vorhang und seine Trennung zwischen Orchester und Sängern, zwischen Begleitung und Handlung führt musikalisch zu einigen Abstimmungsproblemen, da der Dirigent keinen direkten Kontakt zu den Sängern hat. Aber das ist genauso unwichtig wie die kleinen Artikulationsprobleme des Chores aus Sofia. Denn Frank Beermann ist der Nordwestdeutschen Philharmonie lange verbunden und dem Bayreuther Operntouristen bestens bekannt als GMD in Chemnitz, wo er Lohengrin, Tristan und Holländer dirigiert. Diese Erfahrung kann er in Minden voll ausspielen mit einem manchmal forschen Dirigat mit sehr viel Glanz und Wonne. Da man weite Teile der Produktion als konzertant bezeichnen kann, werden diese Szenen wie die Morgendämmerung oder Vorspiel zum III. Akt zum überwältigenden Konzert-Erlebnis.

Ebenfalls Erfahrung als Chemnitzer Lohengrin hat John Charles Pierce. Ein lyrischer Tenor mit viel Durchschlagskraft. Leider geht manchmal mit nachlassender Kraft der Glanz verloren. Ihre erste Elsa hat Anna Gabler in der unglücklichen Nürnberger Produktion gesungen, bekannt wurde sie dieses Jahr als Senta in der Kinderproduktion des Holländers bei den Bayreuther Festspielen. Unzweifelhaft noch am Anfang ihrer Kariere entwickelt sie sich zu einem dramatischen Sopran mit einer von Kraft geprägten soliden Höhe und der Neigung zum gelegentlichen Tremolieren.

Ebenfalls an der Nürnberger Produktion beteiligt war Ruth-Maria Nicolay als Ortrud. Ihr hochdramatischer Sopran hat die Durchschlagskraft um mit viel Schärfe die Untiefen der Rolle als Hexe deutlich werden zu lassen. Besonders erwähnenswert die absolute Wortverständlichkeit, die man für diese Rolle relativ selten findet. Heiko Trinsinger wurde als Wolfram im Tannhäuser (in Essen und Würzburg) zum Geheimtip, genauso überzeugend gelingt ihm die überaus schwierige Rolle des Telramund. Mit diabolischen Piano singt er noch dort voll aus, wo andere zum Sprechgesang übergehen.

Die überragende Figur des Abends ist unzweifelhaft Andreas Hörl als König Heinrich - eine wunderschöne Baß-Stimme mit fast schwarzer Tiefe. Er nähert sich Wagners Ideal der unendlichen Melodie und singt trotzdem jeden Ton und betont jedes Wort überdeutlich. Ein wahrlich erregender Vortrag!


Fazit
Musikalisch ein überaus gelungener Abend, der Minden in eine Reihe mit Erl oder Wels stellt, denn besonders das konservative Wagner-Publikum kann der RWV Minden durchaus zufrieden stellen. Der donnernde Applaus stellt noch etwas anderes unter Beweis, nämlich daß es geschätzt wird als private Initiative die kulturelle Situation zu verbessern – auch gegen den Willen oder die Schlafmützigkeit staatlicher oder städtischer Institutionen. Minden ist eine Reise wert!

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