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27.10.2008

Die Festspiel-Premiere am Golf

Für das Orchester der Bayreuther Festspiele gab es nach einer Wagner-Gala in Abu Dhabi stehende Ovationen

ABU DHABI. Glücklich die Stadt, die Außenpolitik nicht machen muss, sondern machen lässt. Die hierfür weder Juristen noch stattliche Protokollabteilungen braucht. Und schon gar keine aufwendigen Vertragswerke. Sondern sich nur einer Sprache zu bedienen braucht: Der Musik.



In diesen Tagen wurde, mal wieder, ein wichtiges Kapitel Bayreuther Außenpolitik geschrieben. Die entsandten Botschafter, 120 an der Zahl, waren mit schwerem Gepäck angereist und mit großer Leidenschaft am Werke. Bei ihrer Mission eroberten sie die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, Abu Dhabi also, im Sturm. Bayreuth hat, seit Samstag, viele neue Freunde. Die Bayreuther Festspiele und das großartige Festspielorchester haben am Golf Zeichen gesetzt. Im Namen Bayreuths.

Gut 100 Musikerinnen und Musiker, Dirigent Christian Thielemann, vier Solisten, eine Handvoll Journalisten und die neue Festspielleiterin Katharina Wagner waren am Mittwoch Abend gen Abu Dhabi aufgebrochen. Am Freitag war im Saal des Hotel Emirates Palace die erste Probe. Am Nachmittag stand erstmals Wagner auf dem Programm. Freilich spielte da nicht das Festspielorchester, sondern Stefan Mickisch. Der Pianist, der auch in Bayreuth die Einführungsvorträge zum Werk Wagners gestaltet, wies etwa 50 Besuchern den Weg durch Wagners wundersame Welten.

Wagner am Golf? Sicherlich ein ambitioniertes Projekt, denn Leben und Werk des deutschen Komponisten sind in den Emiraten kaum bekannt. Zwar wurde vor rund einem Jahr ein Wagnerverband in Abu Dhabi gegründet, gleichwohl sind „Götterdämmerung“ und „Tristan“ vielen Emiratis so fremd wie den Westeuropäern die kulturelle Tradition der Wüstenstaaten.

Insel für die Kultur

Das freilich soll sich ändern. Wie sich so vieles ändern soll in dem Emirat, das seinen Reichtum aus einem noch für 120 Jahre sprudelnden Ölvorkommen schöpft (geschätzter Tagesumsatz: 300 Millionen US-Dollar!) und obendrein über große Erdgasvorkommen verfügt. Abu Dhabi soll in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zum hochwertigen Tourismusziel entwickelt werden. Dafür muss die Hotelbettenkapazität in den kommenden Jahren verdoppelt werden (auf dann 24 000 Betten, vorwiegend im Fünf-Sterne-Bereich). Doch die Komplettierung der Infrastruktur ist nur ein Teil der Anstrengungen, die in den kommenden zehn Jahren anstehen. Schon im kommenden Jahr werden auf der vorgelagerten Insel Yak Island erstmals die Motoren der Formel 1-Rennwagen in Abu Dhabi dröhnen. Die 5,6 Kilometer lange Strecke, die am 15. November mit dem Saisonfinale der Formel 1 ihre Feuertaufe erleben wird, ist derzeit im Bau – ebenso wie zahlreiche neue Hotels und Restaurants.

Das größte Vorhaben aber ist „die Insel des Glückes“ – Saadiyat Island. In drei Bauphasen wird auf einer Fläche von 27 Quadratkilometern ein einzigartiges Kultur- und Tourismuszentrum entstehen. Mit 29 Hotels (darunter ein 7 Sterne-Haus), 8000 privaten Villen und 38000 Appartements, zwei Golfplätzen, Parks und Atem beraubenden Kulturbauten. Norman Foster baut hier das Sheik Zayed National Museum, das nach dem Gründer der Vereinigten Arabischen Emiraten benannt ist, Jean Nouvel die erste Dependance des Pariser Louvre, Frank Gehry ein Giggenheim-Museum, Tadao Andi das Maritim-Museum und Zaha Hadid ein fischförmiges Gebäude für Konzerte, Oper, Tanz und Theater.

Quasi in Vorbereitung dieser Kultur-Großoffensive wurde am Freitag das Abu Dhabi Classics Festival eröffnet. Till Janczukowicz, ansonsten in Berlin als Künstleragent tätig, braucht bei diesem Festival, einer Konzertreihe, die sich über zehn Monate erstreckt, nicht kleckern, er darf klotzen. Und also „einkaufen“, was weltweit Rang und Namen hat. Lang Lang und Cecilia Bartoli, die Wiener Philharmoniker und das London Symphonie Orchestra, Lorin Maazel und Zubin Mehta. Und eben das Orchester der Bayreuther Festspiele mit Dirigent Christian Thielemann.



Und das wartete, am Tag nach der Eröffnung – einem musikalischen Cross-Over-Konzertabend, bei dem Oscar-Presiträger Jeremy Irons durch das Programm führte – mit einer Wagner-Gala auf. Auf dem Programm: Der Erste Akt „Walküre“, sowie, aus der „Götterdämmerung“, Siegfrieds Rheinfahrt, Siegfrieds Trauermarsch und Brünnhildes Schlussgesang.

Thielemann und das Orchester musizierten im Konzertsaal des Emirates Palace nicht im Graben, sondern auf der Bühne – und präsentierten sich in grandiosester Form. Leicht und zart gewebt kam dieser Wagner daher, wenn Thielemann zu bisweilen minimalistischen Gesten ausholte, ur-gewaltig tobte der Klangkörper beim „Götterdämmerungs“ -Schluss. So viel Transparenz, so viel Musikalität auf höchstem Niveau erlebt man selbst in Bayreuth nicht alle Tage. Es ist schon famos, wie wohl sich dieses Spitzenorchester mit Thielemann fühlt. Da ist zusammengewachsen, was zusammen gehört. Und also gab es, nach einem lustvollen und unvergesslichen Wagner-Abend, zurecht stehende Ovationen, lang anheltenden Applaus und laute Bravorufe. Übrigens auch für die Solisten des Abends. Für Petra Lang, die in der Rolle der Sieglinde richtiggehend aufblühte, für Endrik Wottrich, der anrührend vor allem die lyrischen Passagen seines Siegmund gestaltete („Winterstürme wichen dem Wonnemond, in mildem Lichte leuchtet der Lenz“), für den gewaltigen Bass Ain Anger, den man gerne auch mal in Bayreuth hören würde, und für Luana deVol, die sich mit großer Geste als Brünnhilde in die Herzen der Zuhören sang.

Festspiele auf Tour

Katharina Wagner hatte zuvor in einem Podiumsgespräch ausgeführt, dass sie sich ein Gastspiel des Festspielorchesters pro Jahr durchaus vorstellen könnte. Am Morgen nach dem Auftritt des Orchesters wusste man, warum: Es gibt keinen besseren Botschafter für Bayreuth und die Festspiele als dieses Orchester! Auch Auslandsgastspiele ganzer Produktionen wollte Wagner nicht ausschließen: „Wir würden diese Tradition früherer Jahre gerne wieder aufleben lassen“, sagte Wagner, die ohne ihre Halbschwester und Partnerin in der Festspielleitung, Eva Wagner-Pasquier an den Golf gereist war, betonte aber, dass sich dafür nicht jede Inszenierung eigne.
Von Gert-Dieter Meier
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