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16.07.2008

"Dem Werk stand ich lange skeptisch gegenüber"

Regisseur Stefan Herheim über seine Inszenierungsarbeit in Bayreuth

Bayreuth - "Dem Werk stand ich lange skeptisch gegenüber", sagt Stefan Herheim über Richard Wagners Oper "Parsifal". Mit der Neuinszenierung des norwegischen Regisseurs werden am 25. Juli die Bayreuther Festspiele eröffnet. Herheim erzählt darin "die Geschichte eines reinen Toren, der Auswirkungen von Gewalt zu erkennen und somit seine eigene Biografie zu reflektieren lernt".

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Für Stafen Herheim bedeutet die Inszenierungsarbeit in Bayreuth vor allem die Möglichkeit, mit hochmotivierten Künstlern zusammenarbeiten zu dürfen. Foto: Lammel

"Parsifal" ist für Bayreuth ein besonderes Werk - für das Festspielhaus geschrieben, Jahrzehnte lang nur dort aufgeführt. Was bedeutet es für Sie, an diesem Ort zu inszenieren?

Herheim: Der Mythos Bayreuth ist sicher gerade durch dieses Werk lebendig, nicht nur, weil es erst seit dem Kriegsjahr 1914 andernorts aufgeführt werden darf, sondern weil durch die Festspielhausakustik das Werk sozusagen erst authentisch wiedergegeben werden kann. Der konkrete Einfluss dieses Ortes für unsere Inszenierung wird sich in der Thematisierung genau dieses Raumes erweisen; wie sagt Gurnemanz doch so treffend: "Dem Heiltum baute er das Heiligtum." Dieses Heil, dieses Ganzsein, ist ein Anspruch, dessen Perversionen und Einlösungen im Werk ausgestaltet sind und die wir hier zum Thema machen werden. Für mich ganz persönlich bedeutet die Inszenierungsarbeit in Bayreuth vor allem die Möglichkeit, mit hochmotivierten Künstlern auf allen Ebenen zusammenarbeiten zu dürfen.

Die Oper ist auch eines der Hauptwerke der Festspielgeschichte, an das stets besondere Erwartungen gerichtet werden. Wie gehen Sie damit um?

Herheim: Dem Werk stand ich lange skeptisch gegenüber ­ ganz zu schweigen von seiner dubiosen Aura, die als kunstreligiöses Erlösungsversprechen wabert. In der intensiven Auseinandersetzung mit "Parsifal" haben mein Team und ich genau diese Erwartungshaltung an das Erlebnis dieses Werkes in Bayreuth zum Thema genommen und spielen mit der Erlösungsbedürftigkeit, Erlösungsmöglichkeit und der Erlösungsfähigkeit des Werkes und der Erfüllung dieser Momente in der Geschichte.

Wie sehen und verstehen Sie die Oper, welche Geschichte wollen Sie dem Publikum erzählen?

Herheim: Die namentlich vier Aspekte dieses "Bühnenweihfestspiels" weisen schon auf eine Mehrschichtigkeit, die wir sinnlich ausgestalten wollen. Einmal auf individueller Ebene, denn "Parsifal" erzählt in einem musiktheatralen Reifungsprozess über Leben und Tod die Geschichte eines reinen Toren, der Auswirkungen von Gewalt zu erkennen und somit seine eigene Biografie zu reflektieren lernt. Diese Reflexion wird aber in einem kulturgeschichtlichen Raum zu einer kollektiven Identitäts- und Heilssuche, zur Geschichte einer Nation, die sich auch politisch immer wieder Erlöserfiguren verschrieben hat­ bis hin zur Hoffnung der globalen Gesellschaft, Erlösung in Bayreuth zu finden. Doch das hört sich alles schrecklich theoretisch an ­ sobald sich der Vorhang hebt, ist man in einer poetisch magischen Kindergeschichte des 19. Jahrhunderts, in der viel Unheimliches passiert.

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"Als aber die Festspielleitung anfragte und sich die Möglichkeit bot, an diesem einmalig mythisch aufgeladenen Ort sich genau damit auseinanderzusetzen, habe ich zugesagt."

Wo liegen für Sie die Schwierigkeiten und Herausforderungen der Inszenierung?

Herheim: "Parsifal" ist kein Werk, bei dem man sich klar mit einer Figur identifiziert. Eigentlich erzählt "Parsifal" die Geschichte von Männlichkeit. Es gibt im Werk nur einen Mann, dem wir immer wieder in unterschiedlichen Stufen der Macht und Ohnmacht begegnen ­ Titurel, Gurnemanz, Amfortas, Klingsor und Parsifal sind Figurationen von Männlichkeit, die durch die Grenzüberschreitung von Raum und Zeit ineinanderfallen und sich zum Begriff Erlösung positionieren. Kundry ist ihre Projektion von Weiblichkeit, die als "Andere" überwunden werden muss. Dabei geht es nicht um Emanzipation, um gesellschaftlich realisierbare Befreiung, sondern um Erlösung, um gnädige Gewährung des ersehnten Heilszustand durch eine höhere Macht. Diese Überlegungen in eine Ästhetik zu bringen, die der sinnlich aufgeladenen Musik entspricht, war ohne Frage eine immense Herausforderung.

Hatten Sie sich schon mit dem Werk beschäftigt, ehe Sie das Angebot bekamen, in Bayreuth zu inszenieren?

Herheim: Ich wurde bereits vorher von der Berliner Staatsoper eingeladen, "Parsifal" zu inszenieren, doch lehnte ich aus verschiedenen Gründen ab ­ auch weil die Geschichte um das Werk zunächst einmal sehr viel Unlust in mir produzierte. Als aber die Festspielleitung anfragte und sich die Möglichkeit bot, an diesem einmalig mythisch aufgeladenen Ort sich genau damit auseinanderzusetzen, habe ich zugesagt.

Eine "Parsifal"-Aufführung kann dreieinhalb, aber auch fast fünf Stunden dauern. Welche Rolle spielt das für den Regisseur, wie beeinflusst es seine Arbeit?

Herheim: "Seit der Uraufführung 1882 ist die Aufführungsdauer immer länger geworden ­ gerade bei sonst so transparent zügigen Dirigenten wie Toscanini überrascht die weihrauchgeschwängert erhabene Breite. Die Aufnahmen von Boulez und Levine belegen eindrucksvoll, zu welch unterschiedlichen Bildern die gleichen Noten zusammengefügt werden können. Doch das Aufregende am Theater ist ja, dass erst in der Aufführung die Kunst entsteht und nicht auf dem Papier oder der Leinwand verewigt ist.

Welche Rolle spielt dabei die Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Daniele Gatti?

Herheim: Dass es zu einer wirklichen Zusammenarbeit gekommen ist, gehört für mich zu den schönsten Erfahrungen dieses Sommers. Als wir Maestro Gatti mit unserem Konzept vertraut gemacht haben, war er zunächst enorm skeptisch, es fehlte schlicht auf beiden Seiten das Vertrauen. Doch als die tatsächliche Umsetzung begann, wurde ihm schnell klar, dass ich eine sinnliche Konkretisierung der Partitur wollte, und so haben wir beide in den Proben unsere Vorstellungen kommuniziert und konnten sie gemeinsam angehen mit dem Ziel, dass in der Aufführung die Augen zu hören und die Ohren zu sehen beginnen.

Anders als viele Regisseure kommen Sie von der Musik her. Gehen Sie deshalb anders an das Inszenieren heran?

Herheim: Die Oper ist die letzte Bastion der Heiligkeit in unserem kulturellen Kunstbetrieb ­ heilig nicht nur im Sinne von "besonders", sondern im ursprünglichen Sinne von "heil", "ganz". Die Partituren gelten immer noch weitgehend als unantastbar; sie sind eine Art Kunst-Evangelium. Darin unterscheidet sich beispielsweise auch meine Arbeit von Christoph Schlingensiefs Ansatz, dessen Inszenierung ich mehrfach hier auf dem Hügel gesehen habe. Während er dem transparenten Dirigat von Boulez seinen höchst persönlichen Kunst- und Kulturenkosmos entgegengesetzt hat, ist meinem Team und mir an einer Entfaltung und Gestaltung der Partitur gelegen. In langen Konzeptionssitzungen entdecken und definieren wir für uns die Koordinaten aus dem Werk, mit denen wir dann nicht nur die Handlung erzählen, sondern die Mechanismen und vielschichtigen Aspekte des Werkes inklusive seiner Rezeption vermitteln wollen.

Quelle: Stephan Maurer
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