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13.04.2008

"Bis auf die Musik ist nichts mehr Verdi"

Mit seiner Neuinszenierung von Verdis "Maskenball" sorgt Kresnik für Aufregung

Erfurt - Bravos und Buhrufe, begeisterter Applaus für die Sänger und Musiker, Pfiffe für das Regieteam: Johann Kresnik hat am Samstagabend mit seiner Opern-Inszenierung von Giuseppe Verdis "Ein Maskenball" das Erfurter Premierenpublikum gespalten.

Der 68- Jährige, der die Buhs wie eine Auszeichnung lächelnd und mit hochgerichteten Daumen entgegennahm, hatte aus der historischen Handlung ein aktuelles politisches Stück auf den Trümmern des World Trade Centers vom 11. September gemacht. Stein des Anstoßes waren für einige Zuschauer die 30 Nackten zwischen 50 und 69 Jahren, die grau vom Betonstaub durch die Trümmerwelt des Ground Zero krochen. Sie symbolisieren bei Kresnik die Mittellosen im reichen Amerika, die Opfer des Kapitalismus.

Kresnik wollte mit seinen Provokationen die Zuschauer zum Nachdenken über die Weltmacht USA anregen - und über den Preis, den das Land dafür zahlen muss, während im Inneren die Probleme immer größer werden. Widerspruch, gar Ablehnung der Zuschauer für seine Sichtweisen sind bei dem ehemaligen Tänzer und Begründer des politisch motivierten "Choreographischen Theaters" geradezu erwünscht. Alles andere wäre für ihn eine Niederlage.

Johann Kresnik hat am Samstagabend mit seiner Opern-Inszenierung von Giuseppe Verdis "Ein Maskenball" in Erfurt für Aufregung gesorgt. Foto: dpa    
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Statt um Liebe und Versöhnung wie in der musikalischen Vorlage geht es dem Österreicher um knallharte Machtpolitik. "Die Ermordung Riccardos durch seinen Sekretär Renato ist ein Politikum. Renato will an die Macht. Der Preis dafür ist Mord. Nicht Eifersucht ist das Motiv, sondern Machtgier. Bis auf die Musik ist nichts mehr Verdi", umschrieb Kresnik sein Konzept.

Star des Abends ist Adina Aaron als Amelia, die Frau Renatos, die mit Riccardo ein Verhältnis hat. Die farbige Sängerin begeisterte mit ihrer glockenklaren Stimme, ihrer Schönheit und Ausdrucksstärke. Mit Erik Fenton, wie Aaron aus den USA stammend, legte sie auf der Bühne eine gewagte Liebesszene hin. Überzeugend auch die Wahrsagerin Ulrica (Helena Zubanovich), die Kresnik in einer Szene wie einst Marilyn Monroe mit aufbauschendem weißem Kleid auftreten ließ. Weniger überzeugend dagegen Petteri Falck als Renato.

Bernhard Hammer schuf im Erfurter Opernhaus ein beeindruckendes Bühnenbild - herabgestürzte Betonwände, die sich zu einem verwirrenden Trümmerfeld des Ground Zero auftürmen, dazwischen ausgebrannte Autowracks und - die sich schlangengleich dahinwindenden nackten Erfurterinnen und Erfurter höheren Alters. Zu Beginn des Stückes ziehen sie - nur mit Mickymaus-Masken "bekleidet" - als graue anonyme Masse durch die Betonwüste. Was bei einigen Zuschauern die Gesichtszüge versteinern ließ, fanden andere zwar gewöhnungsbedürftig, aber nicht abschreckend. Für wieder andere war der Part der Frauen und Männer mit ihren deutlichen Altersspuren an den Körpern schlüssig, stimmig - und auch ästhetisch.

Kresnik, der aus seiner linken Überzeugung keinen Hehl macht, arbeitete viel mit Klischees: US-Fähnchen schwenkende Sänger, ein Badetuch als Dollarnote, messerwetzende Mordgehilfen, viel Blut und ein Maskenball mit lauter rosa Schweinchen und Affen - und herrlichen Kostümeinfällen von Erika Landertinger. Von den Trümmern herabschwebende Kleidungsstücke riefen beklemmende Erinnerungen an die herabstürzenden Körper aus den brennenden Zwillingstürmen am 11. September wach.

INFO www.theater-erfurt.de

Quelle: Von Antje Lauschner
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