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Bayreuth zeigt
Trauer. Seit Montag, 10.30 Uhr, weht die Familienfahne der Wagners auf halbmast. Ein schwarzer Trauerflor wiegt sich, hoch überm Festspielhaus, im Wind. Das rote W auf weißem Grund,
ansonsten nur zur Festspielzeit zu sehen, kündet vom Tod eines großen Mannes. Eines Mannes, der wie kein anderer die Geschichte der Bayreuther Festspiele geprägt hat: Wolfgang Wagner
ist tot!
Friedlich eingeschlafen
Gestorben am Sonntagmittag in Bayreuth – im Alter von 90 Jahren. Begleitet auf seinem letzten Gang von seinen Töchtern Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier, die später von
diesen unsäglich traurigen Momenten nur diesen einen Satz preisgeben werden: Wolfgang Wagner sei friedlich eingeschlafen.
Die Nachricht vom Tod des dienstältesten Intendanten der Welt verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Am Sonntag, 23.45 Uhr, verschickte die Nachrichtenagentur dpa eine Eilmeldung, Minuten
später erreichte die traurige Botschaft das Internetforum auf www.festspiele.de, schon kurz nach
Mitternacht war im Internetlexikon „Wikipedia“ der Eintrag Wagner um den Todestag ergänzt worden. Und seit dem frühen Morgen laufen Nachrufe im Radio, im Fernsehen, im
Internet. Kein Wunder: Wolfgang Wagner war in aller Welt geschätzt.
1707 Aufführungen geleitet
Wagner zählte zu den weltweit herausragenden Kulturschaffenden der Nachkriegszeit. Zwar wehrte er sich massiv gegen das Attribut „dienstältester Intendant der Welt“, am
Faktum selbst aber konnte auch er nichts ändern. Unglaubliche 1268 Aufführungen hat Wagner alleine, 439 weitere gemeinsam mit seinem Bruder Wieland in Bayreuth verantwortet. Und auch
das eine bemerkenswerte Zahl: Von den insgesamt 2425 Wagner-Aufführungen zwischen 1876 bis Ende 2008 war er an 1707 (!) selbst beteiligt. Keiner prägte die Festspiele so lange, intensiv
und hartnäckig wie er.
Wolfgang Wagner war ein harter, ehrlicher Arbeiter. Einer, der sein ganzes Leben in den Dienst der Festspielidee seines Großvaters gestellt hat. Und sich mit Haut und Haar dieser Aufgabe
gewidmet hat. Sein ganzes, erfülltes Leben lang. Er rackerte vom frühen Morgen bis spät in die Nacht, verbrachte mehr Zeit in der „Scheune am Hügel“ als in seinem
Wohnhaus, das nur einen Steinwurf davon entfernt stand.
Selten im Schweinwerferlicht
Dem geborenen Bayreuther und bekennenden Franken Wolfgang Wagner war jeder Rummel um seine Person zuwider. Er mied, wo immer es ging, das Scheinwerferlicht und war auch im gesellschaftlichen
Leben seiner Heimatstadt Bayreuth, die ihn zum Ehrenbürger ernannte, nur höchst selten anzutreffen. Und wenn, dann nur als Botschafter der Festspiele.
Sah man ihn früher noch ab und an samstags beim Einkaufen, zog er sich in den letzten Jahren vollends zurück. Sein letzter (halb-)öffentlicher Auftritt datiert vom November
vergangenen Jahres. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer überreichte dem gerade 90 Jahre alt gewordenen Wagner das Große Verdienstkreuz mit Stern am Schulterband. In Anbetracht
des damals schon labilen Gesundheitszustands fand die Auszeichnung in den Privaträumen des langjährigen Festspielleiters statt.
Seehofer würdigte Wagner als „eine der herausragendsten Persönlichkeiten des deutschen Kulturlebens“, der die Festspiele auf die Weltbühne gehoben habe. Wagner
quittierte die warmen Worte (Seehofer: „Ein mitreißender Mensch, der die Festspiele mit allen Poren gelebt und geleitet hat“), im Rollstuhl sitzend, mit einem Lächeln.
Dieses Lächeln!
Dieses Lächeln! Es war eines der Markenzeichen Wolfgang Wagners. Er trug es häufig dann, wenn er in seinem Festspielelement war und mit Mitarbeitern zu tun hatte. Für sie war er
Vaterfigur, Anwalt, Fürsprecher – aber auch gestrenger Chef. Wenn aber jemand wagte, seine Mitstreiter zu kritisieren, verschwand das Lächeln rasch und Entschlossenheit eroberte
seine Gesichtszüge. Niemand sollte es wagen, Mitarbeiter zu kritisieren. Dafür bot er dann schon lieber sein breites Kreuz an.
Das bekamen nicht selten auch Journalisten zu spüren, die er auch in größerem Rahmen forsch anging, wenn Sängerleistungen hinterfragt oder Dirigenten angefeindet wurden.
Wolfgang Wagner – eine echte Kämpfernatur, die vor nichts und niemandem in die Knie ging.
Das bekam durchaus auch die hohe Politik zu spüren. Während der „Herr Wolfgang“ sich zur Festspielpremiere vor der Kanzlerin höflich verbeugte, feilschte er das Jahr
über mit den Finanzbeamten aus Bund und Land hartnäckig um Zuschüsse. Und meist hieß am Ende der Sieger Wolfgang Wagner.
Unbeugsamer Mann
Wie unbeugsam dieser Mann war, bewies er besonders eindrucksvoll bei der Diskussion um seine Nachfolge. Er, der einen lebenslangen Vertrag zur Leitung der Festspiele sein Eigen nannte,
kämpfte starrsinnig und so lange, bis am Ende nur noch eine – seine – Lösung zur Zukunftssicherung der Bayreuther Festspiele zur Debatte stand. Er wollte die dynastische
Erbfolge – und bekam sie. Auch wenn am Ende nicht seine ursprüngliche Lösung – Katharina Wagner, seine Tochter aus zweiter Ehe, sollte es ursprünglich alleine richten
– herauskam, sondern eine Doppelspitze mit Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier.
Letztere hatte der Stiftungsrat schon Jahre zuvor als geeignete Festspielleiterin auserkoren. Doch erst nach dem Tod seiner Frau Gudrun im Jahre 2007 und der dann erst möglichen
Familienzusammenführung war die schwesterliche Doppelspitze realisierbar. Wolfgang Wagner dankte ab. Am 31. August 2008. Das Ende einer Ära.
57 Jahre Intendant
Eine außergewöhnliche Ära, fürwahr! Kein anderer hat jemals länger ein Theater geleitet als Wolfgang Wagner. 57 Jahre lang prägte er das Geschehen in der
„Scheune am Hügel“ – zunächst gemeinsam mit seinem Bruder Wieland, nach dessen frühem Tod dann, ab 1966, alleine. Doch die Verdienste der beiden ungleichen
Brüder begannen nicht erst in ihrer Zeit als Festspielleiter, sondern lange zuvor.
Sie nämlich waren es, die Neu-Bayreuth erst möglich machten, indem sie auf einen radikalen Neuanfang drängten. Nach der unglückseligen Verquickung von Wagners Kunst mit
Nazi-Gunst, für die vor allem der Name Winifred Wagner steht, nach einer Phase, in der der Grüne Hügel braun und zum Stützpfeiler Hitler’scher Propaganda wurde, zwangen
die beiden jungen Wagner-Wilden die eigene Mutter zum Verzicht. Nur ohne Winifred, das wussten Wieland und Wolfgang, das wusste die damalige Politik und das wussten die potenziellen Geldgeber,
würde das Bayreuther Wagner-Theater wieder zu Weltgeltung finden.
Ohne zu murren übernahm Wolfgang dabei zunächst den undankbareren Part. Während Wieland sich der hohen Kunst zuwandte und Regie führte, kümmerte sich Wolfgang nach 1951
um den Bau und das Programm, um Finanzen und die Organisation. Wieland galt denn auch früh als der große Künstler, Wolfgang als der Handwerker und Macher.
Naturalistische Inszenierungsweise
Ganz freilich wollte auch Wolfgang Wagner die Kunst auf der Bühne nicht seinem Bruder überlassen. Und so machte er sich im Laufe der Jahrzehnte auch als Regisseur einen Namen. Keiner
hat den „Ring“ öfter inszeniert als er, niemand außer ihm hat sämtliche Werke, bisweilen sogar mehrfach, auf die Festspielbühne gebracht. Dabei sprach Wolfgang
Wagner mit seiner naturalistischen Inszenierungsweise vor allem den älteren Wagnerianern aus dem Herzen, weil bei ihm eine Festwiese noch wirklich Festwiese, Nürnberg noch Nürnberg
und ein Wald noch ein Wald war.
Was selbst hartnäckige Kritiker seines Regiestils anerkennen mussten: Bei Wolfgang Wagner orientierte sich das Bühnenspiel an den Gesetzen der Musik. Sie stand bei ihm immer im
Mittelpunkt. Mag auch seine Handschrift als Regisseur durchaus konservative Züge gehabt haben – zur wahren Größe Wolfgang Wagners gehörte es, dass er andere, die die
künstlerischen Dinge ganz anders sahen als er, nicht nur einlud, sondern notfalls auch gegen allzu heftige Kritik verteidigte.
Wagners Courage
Nicht jeder Theaterleiter hätte es sich schon 1972 getraut, dem Felsenstein-Schüler Götz Friedrich den „Tannhäuser“ anzuvertrauen. Und auch 1976 zeigte Wagner
Courage, indem er den bis dahin weitgehend unbekannten Regisseur Patrice Chéreau und den Musik-Revoluzzer Pierre Boulez zum „Jahrhundert-,Ring‘“ nach Bayreuth lud –
ein Experment mit bekanntem Ausgang: Anfangs wurde die Inszenierung von stocksteifen Wagnerianern niedergebuht, später dann zu einer der wichtigsten Inszenierungen Bayreuths geadelt.
Wolfgang Wagners Weitsicht feierte Triumphe. Zu den Meilensteinen seiner Besetzungspolitik gehören zudem Namen wie Heiner Müller („Tristan“), Werner Herzog
(„Lohengrin“) oder auch Christoph Schlingensief („Parsifal“), mit dem sich Wagner zwar fortwährend anlegte, den er am Ende aber machen und gewähren ließ.
Das letzte Ausrufezeichen dieses außergewöhnlichen Intendanten wird man in diesem Sommer erleben. Denn nicht Katharina, sondern Wolfgang Wagner verpflichtete Hans Neuenfels für den
„Lohengrin“. Und es dürfte abermals eine heftig umstrittene Inszenierung werden. Sollte es denn einen Theaterskandal geben – es war Wolfgangs Wagners letzte Großtat.
Wahre Größe!
Dass auch Wolfgang Wagner bei seinen Verpflichtungen nicht nur vom Glück verfolgt war, sieht man daran, dass der mit Spannung erwartete Regisseur Lars von Trier seinen „Ring“
unverrichteter Dinge wieder zurückgab. Obwohl Wolfgang Wagner enttäuscht, vermutlich auch verärgert war: Er sprach auch nach der Absage von Triers nie schlecht oder böse
über den kongenialen Künstler. Das ist wahre Größe!
Mit Wolfgang Wagner verlässt eines der letzten Theater-Originale, ein echter Macher, die große Bühne der Welt. Er war ein Mann mit tiefgründigem Humor, großem
Sachverstand und der einzigartigen Gabe, sein Ziel – die Zukunftssicherung der Bayreuther Festspiele – nicht nur hartnäckig zu verfolgen, sondern zu erreichen. Seit seinem
Rücktritt als Geschäftsführer haben Bund, Land, Stadt, Bezirk und Gesellschaft der Freunde von Bayreuth sämtliche Anteile der Festspiele übernommen. Und damit die
Pflicht, diese einzigartige Kulturinstitution zu erhalten.
Wolfgang Wagners Lebenswerk ist also vollbracht: die Zukunft der Festspiele ist gesichert. Das Haus ist bestellt. Jetzt ist der Architekt dieses Gesamtkunstwerks abgetreten. Wir werden ihn sehr
vermissen.
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