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Es war doch nicht nur eine Showtreppe, auf der die ziemlich germanischen jungen Leute die Buchstaben für das (in Frankreich besonders) furchterregende Wort GERMANIA am Ende des Pariser
Rheingoldes hinauf geschleppt haben. Dank der von Regisseur Günter Krämer gerne benutzten Riesenspiegelwand, kann man jetzt einen Blick in dieses Walhall werfen. Und sieht Wotan und
seine Walküren ausgelassen an einer Tafel mit unzähligen Äpfeln rumalbern. Bis Fricka, nicht nur dieser Sache ein Ende macht.
Der
Ritt des Erlkönigs
Es ist nicht das einzige starke Bild in der neuen Pariser „Walküre“. Auch die poetische Wucht der nachthell leuchtenden Todesverkündigung sucht ihres gleichen. In
gleißendem Mondlicht winken da aus der Ferne, zwischen den blühenden Bäumen, die Walküren Siegmund zu. Ein Hauch von Erlkönig liegt über der Szene – siehst,
Siegmund, du den Göttervater nicht?
Ebenso raunend phantastisch die Schlussvision: Nach Wotans (in diesem Falle beglückend langem) Abschied in der tiefschwarzen, rampennahen und kargen Zweisamkeit von Vater und Tochter, die
hier eher wie ein tragisches Liebespaar von einander Abschied nehmen, hebt sich der schwarze Zwischenvorhang und gibt den Blick auf ein grandios resümierendes Bild frei. Wie vom Feuer
bedroht und der aufziehenden Katastrophe schon verschlungen sind da alle in einer Untergangslandschaft von verführerisch destruktiver Schönheit versammelt, über der sogar der Mond
in Flammen steht. Die Walküren und die militante Kämpfer-Truppe Hundings, die nackten blutverschmierten Helden, sogar Frickas roter Reifrock sind zu erkennen. Und vorn schreitet Erda
langsam auf einen ziemlich traurigen Wotan zu, als wäre sie die Witwe der Welt.
Dass Brünnhilde während dieser Erinnerung an den ersten Auftritt der vom Ende orakelnden Urmutter ihren Schlafplatz neben
dem toten Siegmund verlässt und mit einem Plätzchen unter dem Tisch vertauscht, gehört zu dem selbstironischen Augenzwinkern, mit dem Regisseur Günter Krämer das Pathos
seiner Opulenz gelegentlich bricht. Wenn sich diese Balance zwischen der inneren Stimmigkeit großer Bilder und deren Bezug zum Großen und Ganzen, also bislang zum Rheingold, so wie im
zweiten und dann im dritten Akt der Walküre entfaltet, dann vergisst man auch, dass da mancher raumgreifende Gang oder die eine oder andere überdeutliche Geste wohl einfach der riesigen
Bühne der Opera Bastille geschuldet sind. Man soll eben den Tag nicht nach dem Vorabend verloren geben!
Auf Leben und Tod
Mit ihrer „Walküre“ legen Krämer, aber auch Philippe Jordan nicht nur deutlich zu, sondern liefern am Ende sogar einen szenisch und musikalisch herausragenden Abend. Dass
ausgerechnet der populäre erste Akt das Wälsungenblut nicht wirklich in Wallung bringt, liegt nicht an der Szene. Schon da setzen Krämer, Jürgen Bäckmann (Bühne) und
Falk Bauer (Kostüme) nicht auf den Kammerspielblick nach innen, sondern riskieren den Weltenspiel-Blick nach außen. Sie zeigen handfest den Kampf auf Leben und Tod, dem Siegmund gerade
entronnen war, personifizieren Hundings latente Gewalttätigkeit durch einer ganzen Truppe von Möchtegernmilitärs zwischen Landser und Guerillas. Hunderte von Jagdtrophäen am
stilisierten Eschen-Stamm verweisen hier auf Fricka. Und auch der Wonnemond bricht im Hintergrund tatsächlich wie ein Natur-Wunder in die Tristesse von Hundings Welt und Sieglindes Schicksal
ein.
Aber Philippe Jordan bleibt da seltsam zurückhaltend und liefert mit dem äußerst präzisen Orchester nicht mehr als einen Hochglanzsound ab, der kaum berührt. Richarda
Merbeth bemüht sich zwar so redlich wie erfolgreich um ihre klar artikulierende Sieglinde. Doch unter unterschlägt Robert Dean Smith kläglich alles, was Siegmund so anziehend
macht. Seine Wälse-Rufe nach dem Schwert Notung sind die Notrufe eines dreiviertel Siegmund, der sich erst in der Todesverkündigung für einige betörende Momente rehabilitiert.
Zum Glück bleibt er die einzige richtige Enttäuschung.
Bei den Göttern geht es sogar noch nobler als geplant zu. Nachdem er Falk Struckmann vor zwei Jahren bei der Hamburger Walkürenpremiere schon seine Stimme geliehen (und Eindruck
hinterlassen) hatte, übernahm Thomas Johannes Meyer in der Pariser Premiere den Göttervater jetzt ganz. Kraftvoll und ohne Manieriertheit, mustergültig textverständlich (und
offenkundig selbst verstehend), mit charismatischer Bühnenpräsenz; eine Wotanhoffnung schlechthin.
Neben dem machtvoll geerdeten Hunding von Günther Groissböck statten sowohl Yvonne Naef ihre Fricka als auch Katarina Dalaymann die Brünnhilde mit dem Format aus, das diese
Inszenierung braucht. Eindrucksvoll natürlich auch die Walküren, die hier die (tatsächlich) nackten, blutverschmierten Helden, wie Krankenschwestern auf OP-Tischen kurz behandeln,
bevor die dann wie aufgezogen nach Walhall marschieren.
Das übliche Buh
Vor allem aber gelingt es Philippe Jordan dann doch noch aus der Perfektion des Orchesters Kapital zu schlagen. Vom Beginn des zweiten Aktes an, lässt er die Musik nicht nur glänzen,
sondern wirklich in ihrer Vielschichtigkeit glühen und leuchten. Man sieht die Trauer Wotans um die ganze Welt nicht nur, man hört und fühlt sie auch auf exemplarische Weise. Wenn
Jordan und Krämer bei der Form und Stringenz bleiben, zu der sie in dieser „Walküre“ zunehmend finden, dann kann es noch ein bedeutender „Ring“ werden in Paris.
Vom wagnerüblichen Buhstrum für die Regie wird sich Krämer wohl nicht beirren lassen.
Fotos: Opéra national de Paris/ Elisa Haberer
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