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Michael Beyer weiß nicht mehr, wie lange er schon auf den Beinen ist.
Sind es schon 24 Stunden? Während Christian Thielemann den Dirigentenstuhl im Orchestergraben der Bayreuther Festspiele für heute Abend räumt, packt Beyer seine
„Walküren“-Partitur in den Rucksack. Von den Generalproben-Zuschauern unbemerkt, waren am vergangenen Montagabend zwei Dirigenten tätig – einer für die Musik, der
andere für die Bilder.
Beyers Reich ist eine technische Wunderkammer, geparkt an der Ostseite des Festspielhauses; das Licht ist hier ähnlich schummrig wie im Orchestergraben, dafür ist der Raum klimatisiert.
Der TV-Regisseur sieht müde aus, bedächtig sind seine Sätze und Bewegungen, als würde er Energie sparen für die weiteren Stunden an Besprechungen, die jetzt noch kommen
werden. Die „Walküre“ war auch für das 55-köpfiges Team von United Motion eine Generalprobe. Die Firma kümmert sich um die DVD-Produktion von Tankred Dorsts
Inszenierung der „Walküre“ und um die Live-Übertragung der Oper am 21. August auf den Bayreuther Volksfestplatz: die dritte Siemens Festspielnacht. Zeitgleich schicken sie
den zweiten „Ring“- Abend am 21. August um die ganze Welt. Per Internet-Live-Stream ist die Oper abzurufen (siehe Daten und Fakten). Erstmals übernimmt auch das japanische
Staatsfernsehen das, was United Motion in Bayreuth mit Unterstützung des Bayreuther Technologieunternehmens TMT per Glasfaser und Satellit auf den Weg schickt. Im Fernsehen und in Kinos soll
die „Walküre“ japanischen Wagner-Fans zugänglich sein – und das live, trotz siebenstündiger Zeitverschiebung nach vorne. Eine Probe haben Beyer und Kollegen
für diese Aufgabe – mehr nicht.
Technische Tücken
Zwölf Kameras hat die Technikermannschaft in Nachtarbeit an versteckten Plätzen im Orchestergraben, im Bühnen- und Zuschauerraum aufgebaut, 3000 Meter Kabel verlegt – um 5
Uhr morgens waren sie fertig. Ein kleiner weißer Pavillon im sogenannten Technikerhof des Festspielhauses wurde zur Einsatzzentrale der sechs Kameraleute, die per Touchpad die
„Walküre“ in einzelnen Bildern einfangen. Einer von ihnen ist Volker Striemer. Er weiß: Die automatische Steuerung hat Tücken. „Schwer ist, dass wir nur den
kleinen Ausschnitt sehen, den unsere Kamera zeigt, aber nichts darüber hinaus, wie wenn wir selbst hinter ihr stehen würden.“ Per Interkom sind sie mit Bildregisseur Beyer
verbunden, der im Übertragungswagen jede einzelne Kamera und ihre Einstellung überwacht. Eine weitere Herausforderung für Striemer und Kollegen: da Regisseure in Inszenierungen
heute gerne mit wenig Licht arbeiten, ist die Kamerablende immer weit offen. „Da ist es nicht einfach, zu zoomen und die Bildschärfe beizubehalten.“
Eine Kamera fällt dann auch prompt während der Aufzeichnung der Generalprobe aus. Warum, muss noch analysiert werden. „Ich musste viel improvisieren“, sagt Beyer. Aber daran
ist er gewöhnt. Im Großen und Ganzen ist er zufrieden mit dem Probelauf. Akribische Vor- und Nacharbeit sollen den Erfolg der Übertragung am 21. August garantieren.
Die Abstimmung mit Regisseur Tankred Dorst war dabei extrem wichtig, sagt Beyer. Besonders freute ihn, dass Dorst keine Berührungsängste oder Bedenken gegen das Projekt hegte.
„Die Gespräche haben mir sehr geholfen, die Geschichte in Bildern richtig zu erzählen.“ Auch der Regisseur war angetan von der Zusammenarbeit und bezeichnet sie als
„sehr erfreulich“. Dorst: „Wir haben uns gut vertragen. Er hat schöne Ideen.“ Dass Beyer den Blick des Zuschauers lenken wird, findet er nicht problematisch. Wichtig
war ihm aber, dass bestimmte Bühnenbild-Details erst dann von der Kamera enthüllt werden, wenn es die Dramaturgie vorsieht.
„Walküre“ wird lichter
„Man muss den Beginn des zweiten Aktes so filmen, dass die Skulpturen der ehemaligen Götter, Feldherren und Krieger erst spät erkannt werden.“ In Fragen der Beleuchtung kam
er dem Produktionsteam sogar entgegen – an einigen „finsteren“ Stellen wird die „Walküre“ heuer etwas lichter. Und der Bühnen-Schleier, hinter dem Fricka
Wotan im zweiten Akt den Eid abnimmt, Siegmund nicht vor Hundings Schwert zu schützen, entfällt in der Aufführung am 21. August ganz. Warum? Interessante Begründung: Die
Kameras sind zu gut. Da United Motion mit den derzeit besten HD-Kameras arbeite, stört der Schleier die Nahaufnahmen der Sänger. „Die Gesichter wirken gerastert“,
erklärt Beyer. „Und wenn sich eines der vielen Insekten, die da herumflattern, im Schleier verfängt, stört das natürlich auch.“
Für das reibungslose Zusammenspiel der Kameras sorgt ein Handbuch. Die erste Version erstellte Beyer anhand von Probenaufnahmen. Seine „Wal- küren“-Partitur zieren mit
Bleistift geschriebene Kameranummern. Sein Fazit ist positiv: „Die Kameras haben wir richtig postiert, so können wir arbeiten.“ Klar, dass er noch etliche Feinabstimmungen
vornehmen wird. Interessante Details, Nahaufnahmen und spannende Perspektiven von denen er vorher nichts wusste, werden eingearbeitet. Am 20. August trifft sich das gesamte Team wieder nach einer
für solche Produktionen ungewöhnlich langen, fünfwöchigen Pause. Dann werden sie alles im Trockendurchlauf noch mal durchgehen. Und dann? „Dann wird’s“, sagt
Beyer.
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