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02.12.2008

Das Orchester leuchtet vor Glück

Die musikalische Interpretation des Dirigenten Constantin Trinks macht die neue „Meistersinger“

BERLIN. Seit 2004 ist John Dew Intendant des Staatstheaters Darmstadt. Als er auf der Premierenfeier der neuen „Meistersinger“-Inszenierung im oberen Foyer des illustren Rolf-Prange-Baus das Wort ergriff, verbreitete sich unter den Theaterinternen Verwunderung, da „er so etwas normalerweise nie“ tue.

Dew erzählte, wie ihm vor zwei Jahren vorgeworfen wurde, dass er zur Wiedereröffnung seines renovierten Staatstheaters nicht die „Meistersinger von Nürnberg“ gespielt habe. Dies möge sein. Jedoch, so Dew, würde jene damals nicht ausgerufene „neue Ära“ nun mit der hiesigen „Meistersinger“-Premiere eingeläutet, und zu verdanken sei dies einzig dem brillanten Dirigat des zukünftigen Darmstädter Generalmusikdirektors Constantin Trinks (ab 2009/10). Es ist nicht sicher, ob sich Dew der so bestechenden Wahrheit seiner eigenen Worte und vor allem des Umkehrschlusses völlig im Klaren war: Denn auf seine Inszenierung der „Meistersinger“ kann der Start in eine neue Ära nur schwerlich zurückzuführen sein.

Der erste Akt: ein rosa Kanzel in der Katharinenkirche. Rosa waren die Schemel der Lehrbuben. Ja und rosa auch das Chorgestühl, in dem die Versammlung der Meistersinger stattfindet. (Zu guter Letzt auch rosa John Dews Hemd bei der Entgegennahme des Buhkonzerts.) Immerhin ist das Tanzpodest der Festwiese gewagt gelb(!). Der Gipfel aber: bei Sachsens Preisen der „heilg’en deutschen Kunst“ wird im Hintergrund ein deutscher Mount Rushmore mit in Fels gehauenen Konterfeis von Goethe, Wagner, Beethoven und Schiller entblößt, der ästhetisch äußerst suspekt (vulgo: kitschig) daherkommt. Monumentale Exzerpte aus Wagners Autograf der „Meistersinger“-Ouvertüre als Bühnenwand – eigentlich eine schöne Idee – können den Abend nicht retten. Und von (Personen-)Regie zu reden, wäre übertrieben.
Prima la musica! Gerd Vogel singt den Beckmesser nicht nur, sondern verkörpert ihn tatsächlich: Wie sein großer Bayreuther Kollege Michael Volle ist er ein echter Schauspieler und behält einen liedhaften (und nicht: bellenden) Ton. Die junge Stimme Jeffrey Treganzas (David) dünnt in der Höhe zuweilen aus, gestaltet aber gerade das „Sprüchlein“ des dritten Aktes hervorragend. Anja Vincken als Eva fühlt sich erst in den hohen Lagen (wenngleich flackernd) wohl, Carola Gubers Magdalene ist wie in Bayreuth sehr souverän.
Die anderen „kleinen“ Hauptrollen wie Pogner (Andreas Daum) und Koth ner (Thomas Mehnert) sind solide besetzt. Herbert Lippert, der kurzfristig als Walther einsprang, ist wohl im ihm heimischen Operettenfach noch besser aufgehoben. Sehr erfreulich der wundervolle Nachtwächter des erst 27-jährigen Oleksandr Prytolyuk. Der gebürtige Bayreuther Ralf Lukas, der bei den Festspielen Gunther, Donner und Melot singt, gibt ein sehr eindrucksvolles Debüt als Hans Sachs: Alle wichtigen Solo-Stellen (insbesondere der Flieder- und der Wahnmonolog) sind sehr schön gestaltet und wohl durchdacht, und auch wenn nicht jeder Spitzenton die nötige Substanz hat, bleibt bis zur Schlussansprache die Kraft erhalten: Ungleich viel besser als Bayreuths Sachs Franz Hawlata.
Constantin Trinks, den wir nun schon seit September 2006 („Rheingold“ in Saarbrücken) als neuen deutschen Wagner-Dirigenten beobachten, steigert sich von Mal zu Mal. Sein Ruf verbreitet sich: Auch wenn er mit seinen bisherigen Spielstätten kaum die Möglichkeit hatte, die 50 Kritiker zu erreichen, die für die „Opernwelt“ den „Dirigenten des Jahres“ küren, wurde er für dieses Jahr immerhin einmal als bester Dirigent genannt, just für seinen Darmstädter „Parsifal“.
Das entscheidende Stichwort ist das der Steigerung. Nachdem der erste Akt noch dazu dient, den richtigen Ton zu finden, entfaltet sich die Musik im zweiten und erst recht im dritten Akt zu schier unfasslichen Höhen. Diese lange Linie der Steigerung findet sich auch im Detail wieder: Bei den Stellen, an denen es gilt, aus einem Piano, ja Stillstand heraus die Musik zu entfalten (etwa beim Übergang von Schusterstube zur Festwiese), vollzieht sich jedes Mal wundersam eine zwingende Weitung des Klangs, der mit Lautstärke allein keineswegs beizukommen ist. Der Orchesterklang wird voluminöser, er wächst kontinuierlich und weitet sich organisch, er greift aus auf den gesamten Theaterraum, verbunden mit einer Intensivierung der Farben, das herrlich aufspielende Staatsorchester Darmstadt funkelt und leuchtet vor Glück. Im Übrigen trägt der klanglich hervorragende und von André Weiss vorzüglich einstudierte Opernchor (und Extrachor) zu diesem Wunder bei. Von den Qualitäten des Dirigats könnte man gar nicht genug der Wonnen aufzählen (wie etwa die großartigen Übergänge oder die herrlichen Stillemomente).
Diese Interpretation ist weitaus besser als diejenige aus Bayreuth durch Sebastian Weigle, sie ist vor allen Dingen geprägt durch die technische Perfektion eines sehr jungen, aber bereits reifen Wagner-Dirigenten, dem eine kontinuierliche Entfaltung auf diesem Wege nur zu wünschen ist.
Quelle: Hermann Grampp
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