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Die Rheintöchter mit aufmontierten Brüsten: Marina Prudenskaja, Fionnuala McCarthy und Ulrike Helzel (von links)
Am Ende der „Götterdämmerung”, die am Montag im Festspielhaus Premiere hatte, herrscht Ratlosigkeit. Brünnhilde lässt die Scheite zum finalen Feuer schichten,
Rauch stiegt auf, einige Hotelgäste rennen panisch über die Bühne, andere betrachten wie in Trance das Feuer. Ein kleiner Junge, der im Laufe der Tetralogie immer wieder mal
hereingeschaut hat, setzt sich kurzzeitig Gunthers Königskrone auf den Kopf, um sie aber sogleich wieder von sich zu schleudern. Er hat offensichtlich keine Lust, das Spiel um die
Weltherrschaft weiterzuspielen. Wie geht‘s nun weiter? Geht‘s überhaupt weiter? Der Produktionsdramaturg Norbert Abels schrieb dazu: „Dorst beantwortet diese Frage mit
neuen Rätseln”.
Szenische Unentschlossenheit
Und er beendet die „Götterdämmerung” mit einem schwachen Bild. Die szenische Unentschlossenheit schien sich, nachdem der Vorhang gefallen war, aufs Publikum zu
übertragen. Äußerst zaghaft und verhalten setzte der Beifall ein, was vermutlich nicht Ausdruck von Ergriffenheit war. Als Tankred Dorst schließlich vor den Vorhang trat
an den vorausgegangenen Abenden hatte er sich nicht gezeigt - entlud sich im Publikum ein heftiger Buhsturm, der den Beifall überdeckte. Fraglos galten die Buhs einer unfertigen
Inszenierung. Wenn aber stimmt, was einem derzeit auf dem Grünen Hügel so alles zugeflüstert wird, dann konnte der Dramatiker nur einen Teil seiner Ideen umsetzten. Vergessen
werden darf auch nicht, dass Dorst vergleichsweise kurzfristig eingesprungen ist, nachdem der von Wolfgang Wagner ursprünglich mit der Regie betraute Filmemacher Lars von Trier abgesagt
hatte. Ob die Buhs also mit Tankred Dorst den „Richtigen” trafen, wäre eine genauere Analyse an anderer Stelle Wert.
Dass Tankred Dorst und Christian Thielemann nicht ein einziges Mal gemeinsam vor den Vorhang traten, legt zumindest die Vermutung nahe, dass es zwischen Regisseur und Dirigent gewaltig
geknirscht haben muss. Sollte es Thielemanns Wunsch gewesen sein, vor dem Hintergrund einer Inszenierung zu dirigieren, die die Musik nicht stört, so hat er genau dies erreicht. Bewegendes
Musiktheater wurde dadurch aber über weite Strecken verhindert. Die Voraussetzungen freilich, dass durch eine ausgefeilte Personenregie aus dieser Produktion im nächsten Jahr doch noch
ein „großer Ring” werden könnte, sind durchaus gegeben. Die Bühnenbilder von Frank Philipp Schlößmann und die typgenau entworfenen Kostüme von Bernd
Skodzig machen Lust auf ein Wiedersehen. Hebt sich der Vorhang zur „Götterdämmerung”, fällt der Blick ins sternenglänzende Weltall. Die Nornen sitzen auf einem
Haufen aus Schädeln und Gebeinen und verkünden ihr Weltwissen.
Der dritte Tag des Bühnenfestspiels beginnt mit einem ungemein suggestiven Bild.
Allgegenwärtiger Tod
Die Gibichungen haben sich in einer Hotelhalle niedergelassen. Symbole von Macht und Dekadenz prägen die Szene. Ein nackter Jüngling wird mit goldener Farbe angemalt. Hinter einem Mann,
der in Uniform die Treppe hinab stolziert, schreitet ein Hahn, der die Manieriertheit dieser selbstgefälligen Gesellschaft zum Ausdruck bringt. Der Tod ist für Tankred Dorst im
„Ring” allgegenwärtig. Sichtbar zum Ausdruck bringt er ihn im zweiten Aufzug, als für Gunther und Brünnhilde ein roter Teppich ausgerollt wird. Doch bevor das
Hochzeitspaar darüber schreitet, tanzt eine Figur mit aufgemaltem Knochengerüst über den Teppich. Die dem Untergang geweihte Gesellschaft steht dem Tod Spalier. Spannende szenische
Ansätze waren also durchaus vorhanden. Eindeutige dominierte aber auch an diesem Abend die Musik. Und das Premierenpublikum feierte Thielemann mit Bravo-Rufen. Jubelstürme gab es auch
für die Waltraute von Mihoko Fujimura, den Hagen von Hans-Peter König und die Brünnhilde von Linda Watson. Starken Beifall erhielten Alexander Marco-Buhrmester als Gunther,
Gabriele Fontana als Gutrune und Andrew Shore als Alberich. Bei Stephen Goulds Siegfried mischten sich wenige Buhs in den Bravo-Jubel. Begeistert feierte das Publikum den Festspielchor mit seinem
Dirigenten Eberhard Friedrich.
Heftigen Applaus erhielten auch die Rheintöchter Fionnuala McCarthy, Ulrike Helzel und Marina Prudenskaja sowie die Nornen Janet Collins, Martina Dike und Iréne Theorin. In seinem Buch
„Die Fußspur der Götter”, das zur aktuellen „Ring”-Produktion erschienen ist, schreibt Tankred Dorst über das Ende des Stücks: „Walhall zerbirst,
die Steine fliegen auseinander. Slow motion (kein starres Bild!). Im Chaos des Untergangs mischen sich Motive und Bilder aus der Mythologie mit modernen Untergangsszenarien.
Flucht mit Koffern was nehmen wir mit, wenn wir flüchten müssen? Vergebliche Versuche, das Chaos zu ordnen. Der Fenriswolf, der mit riesigem Maul die Sonne frisst. Noch einmal
und verwirrend mischt sich mythische Zeit mit heutiger Zeit”. Das klingt verheißungsvoll und lässt fürs nächste Jahr hoffen.
Viele Buhrufe musste sich Regisseur Tankred Dorst (auf unserem Bild mit Regieassistentin Nicola Panzer) nach der Premiere der „Götterdämmerung”
anhören.
Fotos: von Pölnitz-Eisfeld
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