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26.07.2008

Der Gral ist eine Erdkugel

Ein deutsches und ein Bayreuther Lehrstück: Stefan Herheims und Daniele Gattis neuer „Parsifal“

Vorspiel im Gralsbezirk: Etwa zwei Stunden vor Premierenbeginn. Ein dunkler Kombiwagen fährt unauffällig auf der Nordseite (=Bühnenseite) des Festspielhauses vor. Ein gebrechlicher älterer Herr mit schneeweißem Haar am Arm einer Dame verlässt das Auto und betritt den Gralstempel unauffällig über den Hintereingang. Gut eine Stunde später wird Wolfgang Wagner am Königsportal in Begleitung seiner jüngsten Tochter (nicht umgekehrt, wie diese beim Presseempfang zuvor betont hat) die übliche Begrüßungsprozedur vornehmen. Gleichwohl: Es soll sein letztes Mal sein in seiner Eigenschaft als Festspielleiter.

Für die Tragweite dieses Vorgangs wird man erst einige Stunden später – Empathie hegen. Wenn der kranke Gralskönig Amfortas seinen Rittern das „Nein! – Nicht mehr! Ha!“ entgegenschleudert, kurz nachdem die Regie allen Besuchern klar gemacht hat, dass es in diesem letzten Akt auch ganz speziell um jenes alte Neu-Bayreuth geht, das mit dieser Inszenierung nun auch offiziell zu Grabe getragen wird. Da bekommt die Aussage Nike Wagners in Anlehnung an ein Zitat des Komponisten Wolfgang Rihm tatsächlich eine ganz andere, vermutlich unfreiwillige Konnotation: der „Parsifal“ als „Klangrede“, die gleichnishaft vom Leiden des Menschen spricht...

Zum Raum wird hier die zeit.

Im Fluge treff’ ich, was fliegt: Vom Leiden jenseits der Bühne will an diesem Premierenabend wohl keiner sprechen. Der Beifall nach dem dritten Akt brandet solchermaßen stürmisch über die Künstler hinweg, dass man sich des Verdachts nicht erwehren kann, das Publikum wolle sich schon jetzt sein neues Post-Neu-Bayreuth erklatschen und habe alles Vorausgegangene bereits für beendet erklärt. Dabei, bei Lichte besehen, sind sich der neue und der alte „Parsifal“ mindestens in einem Punkte nicht einmal so unähnlich: in ihrer Maßlosigkeit der Mittel und in ihrem selbstreferenziellen Duktus. Mit nur einem Unterschied: Christoph Schlingensief, der Alte, räsonierte in der Hauptsache über seine ganz persönlichen Befindlichkeiten im Hinblick auf den „Parsifal“; Stefan Herheim, der Neue, sucht nach einer „objektiven“ Geschichte des Stücks – im Kontext zu dessen Rezeptionsgeschichte, im Kontext zur gesamten deutschen Vergangenheit. Hybris allenthalben.

Zum Raum wird hier die Zeit: Das ist es, was diesen Abend so bemerkenswert macht. Auch wenn der Ansatz nicht ganz neu ist – Wagner-Inszenierungen über Wagner hat es immer mal wieder gegeben, man denke nur an Regisseure wie Herbert Wernicke oder John Dew. Gleichwohl hat die Idee Stefan Herheims und seines Dramaturgen Alexander Meier-Dörzenbach ganz eigenwilligen Charme. „Parsifal“ ist nicht irgendeine Oper, „Parsifal“ ist ganz explizit erdacht als Kunstreligion und somit anfällig für ideologische Besitzergreifung. Deshalb begleiten die drei Aufzüge räumlich-zeitliche Assoziationen, die eng verbunden sind mit Wagners Werk oder Wirkung: das – sein – Haus Wahnfried, der Gralstempel von Paul von Joukowsky aus dem Uraufführungsjahr 1882, das Festspielhaus; der Wilhelminismus, der Nationalsozialismus und schließlich die Bonner Republik, in der das Pflänzchen Neu-Bayreuth so fruchtbaren Boden fand. Umgesetzt ist das im übrigen szenisch (Bühne: Heike Scheel) wie auch bühnentechnisch exzellent. Gut möglich, dass dieses nicht selten an filmischem Denken orientierte Theater in Bayreuth das umsetzt, was Lars von Trier mit seinem nicht realisierten „Ring“ angestrebt hatte. Gut möglich übrigens auch, dass solcherart aufwändiges Theater immer schwerer zu finanzieren sein und damit immer weniger Opernhäuser vorbehalten sein wird.

Herheims zeitlich-räumliche Verschränkungen sind gerade im ersten Aufzug so vielfältig, auf so zahlreichen Ebenen angesiedelt, dass sich daraus Stoff für mehrere Interpretationen schöpfen ließe. Die Verschränkung der Figuren, die Abkehr von einer linearen Erzählweise sind gewaltige Herausforderungen.

Durch Mitleid wissend, der reine Tor: Da sind zunächst die personellen Verstrickungen. Kundry, Parsifals Gegenspielerin, und Herzeleide, Parsifals Mutter, sind die zwei Seiten einer Medaille, Heilige und Hure. Das Blütensymbol in der Trennung der Farben weiß und rot und seiner Mischung aus unverbrauchter Schönheit und Obszönität wird den Zuschauer immer wieder daran erinnern. Und der ist übrigens Bestandteil des Geschehens, was durch Spiegel und Licht („Dem Heiltum baute er das Heiligtum“) im Zuschauerraum wiederholt in Erinnerung gerufen wird.

Viel undurchschaubarer wird es dort, wo Herheim mit dem Ödipus-Komplex hantiert. Man wird Zeuge der Geburt Parsifals, seines Heranwachsens und seiner – fahrlässigen – Tötung durch, ja durch Parsifal selbst. Der Knabe erschießt das Knäblein statt des Schwans – es steckt viel Freud in Herheims Wagner, und vermutlich nicht zu Unrecht. Kannte der Komponist doch seinen leiblichen Vater nicht und war Zeit seines Lebens von einem erhöhten Erlösungs- und Zärtlichkeitsbedürfnis erfüllt. Allein, wohin bringt uns das alles?

Das Maß an historisch-philosophischen Anspielungen übersteigt nicht selten das Rezeptionsvermögen. Das deutsche Kaiserreich, in das das Opus hineingeboren wird, mit seinem Zeitgeist: Staatsreligion, Staatsmythen, Darwinismus, Militarismus... Viele der von Gesine Völlm hinreißend pedantisch in Kostüme ihrer Zeit gelegten Akteure tragen schwarze Flügel. Da denkt der Wagnerianer gleich an Wagners Musikstück „Ankunft der schwarzen Schwäne“ und ist vielleicht auf dem richtigen Weg. Vielleicht auch nicht. Engel sind diese geflügelten Wesen jedenfalls nicht, eher schon Allegorien geflügelter Ideen.

Klingsor, der geflügelte Transvestit (mit dem Profil Siegfried Wagners?) in Strapsen – da kippt das Bühneweihfestspiel fast in eine Horror-Picture-Show um. Aber da ist Herheims „Parsifal“ zeitlich bereits vorangeschritten. Der Wilhelminismus ist in die Katastrophe des 1. Weltkriegs gemündet, die Helden sind verwundet und erfahren körperliche Zuwendung durch Krankenschwestern und Revuegirls, vulgo Blumenmädchen. Kundry ist eine Mischung aus geflügelter Marlene Dietrich und Magda Goebbels, und so kommt, was kommen muss: Wieder flackern Hakenkreuzfahnen auf dem Grünen Hügel, bis Parsifals Heldenmut dem tausendjährigen Spuk nach wenigen Minuten ein Ende setzt. In ihrer Umsetzung wirkt diese, im übrigen auch sehr aufgesetzte Episode, leider eher unfreiwillig komisch – wie eine Parodie à la Mel Brooks.

Eine Mischung aus geflügelter Marlene Dietrich und Magda Goebbels: Kundry.
Fotos: Lammel

Wer ist der Gral? Auf die Barbarei folgt der Karfreitagszauber. Herheim setzt Bayreuths Wiederauferstehen aus Ruinen ins Zentrum seines Schlussakts: Das –maßstabgetreu – verkleinerte Bühnenportal des Festspielhauses, die bunten Stagelights der dort veranstalteten 40er Jahre Revuen, Trümmerfrauen und schließlich der Bundestag mit dem neuen Bundesadler. „Kanzler“ Amfortas wird das Misstrauen ausgesprochen, Parsifal – im Outfit Karls des Großen, Neu-Bayreuths und à la Schlingensief verspricht dem Erlöser Erlösung: Der Gral wird nicht mehr verschlossen sein und verwandelt sich in eine große glänzende Erdkugel – der Globalismus als neue Kunstreligion. Und weil sich der Regie damit offenbar nicht zufrieden gibt, stellt sie ins Schlussbild dazu die harmonische Kleinfamilie: Gurnmanz, Kundry und der Zögling Parsifal im Matrosenanzügchen. „Höchsten Heiles Wunder“...

Es ist viel, sehr viel, was das Team um Stefan Herheim aus diesem „Parsifal“ postuliert, und gewiss lässt sich an dieser Ideenflut (wie nicht selten bei Herheim) auch Kritik üben. Aber nichts ist aus der Luft gegriffen, jede Metapher findet ein reales Gegenstück. Gerade wenn das Bühnenweihfestspiel in der jüngeren Vergangenheit oder Gegenwart ankommt, spürt man das innere Engagement. Das im übrigen auch nicht vor Respektlosigkeiten zurückscheut: Das an exponierter Stelle zitierte, von den Brüdern Wieland und Wolfgang zu Beginn Neu-Bayreuths verhängte politische Diskussionsverbot („Hier gilt’s der Kunst!“) lässt auch ein kritisches Nachdenken über diese Ära zu. Darüber etwa, welche Kunst in diesem Bayreuth geduldet war, und welche nicht...

Die Labung, die dein Leiden endet: Eines gilt es hier noch festzuhalten. Es ist schon eine Weile her, dass ein Regisseur in Bayreuth so viel Musikalität gezeigt hat. Wie Herheim seine Personen führt, wie er auch große Ensembleszenen nicht gegen die Musik stellt, ohne sie zum Tableau verkommen zu lassen – das hat große Klasse. Und findet seine Entsprechung im Dirigat. Bayreuth-Debütant Daniele Gatti wird in die Geschichte eingehen als einer der langsamsten „Parsifal“-Dirigenten. Aber was sagt das inhaltlich schon? Der Italiener Gatti kommt mit den akustischen Begebenheiten offenbar sehr gut zurecht. Jedenfalls vernimmt man einen überaus samtenen, mitunter fast zurückhaltenden, gedeckten „Parsifal“-Klang, der es aber an den entscheidenden Stellen nicht an Intensität vermissen lässt. Das Vorspiel zum dritten Aufzug zum Beispiel gehört zu orchestralen Höhepunkten, wobei das Festspielorchester, von ein paar Konzentrationsschwächen abgesehen, ein perfektes Wagner-Bild zeichnet. Nur Freunde eines eher kantigen, Konturen-scharfen Klanges werden mit dieser Interpretation Probleme haben.

Die Sänger gewiss nicht. Und da ist nach Jahren eher gepflegten Mittelmaßes Erfreuliches zu vermelden aus der einstigen „Werkstatt. Vor allem der Parsifal von Christopher Ventris ist auf der Höhe der großen Interpretationen dieser Partie: jugendlich im Duktus, durchaus heldisch dort, wo’s drauf ankommt und vor allem sehr angenehm hell timbriert – was unter den gegenwärtigen Interpreten eher die Ausnahme ist. Mustergültig in Artikulation und Diktion sind Kwangchul Youns Gurnemanz, solide der klug leidende Amfortas von Detlef Roth und Diógenes Randes’ Titurel. Thomas Jesatkos Klingsor passt gut zum verordneten Image, gleichwohl fehlt es ihm ein wenig an Dämonie. Nur Mihoko Fujimuras Kundry fällt ab: Zu schrill und eng in der Höhe vermag sie vor allem die beiden Seiten dieser Figur – Mutter und Vamp – nicht differenziert genug zu interpretieren. Dagegen finden die kleineren Rollen klangvolle Umsetzung mit Simone Schröders Altsolo, Arnold Bezuyen und Friedemann Röhlig (Gralsritter), Julia Borchert, Ulrike Helzel, Clemens Bieber und Timothy Oliver (Knappen) sowie Julia Borchert, Martina Rüping, Carola Gruber, Anna Korondi, Jutta Maria Böhnert und Ulrike Helzel (Zaubermädchen). Schließlich, auch wenn es Eulen nach Athen tragen heißt: Der von Eberhard Friedrich einstudierte Festspielchor beherrscht seine Register zwischen gestählt und zart und fasziniert mit beispielhafter Diktion.

Nachspiel im Gralsbezirk: Das sei eine „derartige Brüskierung der Leute, die diese Greuel noch kennen“, sagt eine Dame mit deutlich wienerischem Zungenschlag in der Pause nach dem Hakenkreuzfahnen-Intermezzo auf der Festspielhausbühne. Im Hinblick auf die Vergangenheit der Wagners, der Deutschen und eben dieses Festspielhauses sollte man einen solchen Einwand nicht einfach so abtun. Auch wenn der Nationalsozialismus mit der Kunstreligion-Oper „Parsifal“ sein ganz eigenes Problem hatte – einem „Unbehagen am Parsifal“ (Nike Wagner) gilt es immer offensiv zu begegnen. Nachbesserung erwünscht!

Quelle: Alexander Dick
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